Berlin : Töne aus der Herzgegend

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ER war es wohl, der davon anfing, an Silvester. Bei seinem Fünfzigsten, dessen feierliche Rahmung man der Familie ohnehin in Aussicht gestellt hatte, könne man doch flugs eine Hochzeitsfeier dranhängen. Das würde dem Großereignis etwas an Bedeutungswucht nehmen. SIE hatte eigentlich schon vor acht Jahren, bei ihrem Vierzigsten, mal so beiläufig die Frage gestellt: Wollen wir nicht doch heiraten? Dann traten aber unterschiedliche Vorstellungen über Form und Inhalt eines solchen Aktes zutage. Beide Akteure verhielten sich eher defensiv. Also geriet die Idee einer Trauung schnell in Vergessenheit, verkrümelte sich in den hinteren Winkel des Unterbewusstseins, löste sich aber nicht gänzlich in Luft auf. Niemand ahnte, dass da noch ein Restkrümel zur Eheanbahnung herumlag.

Den ersten Verdacht schöpfte Frau Göbel vom Vorzimmer. Ihre Chefin Monika Thiemen, Bürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf, hatte angerufen und eine Ladung Brötchen zur nächsten Frührunde mit den engeren Mitarbeitern geordert. Eine kluge Vorzimmerdame recherchiert in solchen Fällen sofort im Standesamt. Dort erhielt sie die vielversprechend allgemeine Auskunft: Die Ehe ist eine schöne Angelenheit, aber doch auch eine private. Damit war eigentlich alles gesagt. Frau Göbel stellte ihre Chefin lieber persönlich zur Rede und erfuhr übers Handy vom ganzen Ausmaß des Geschehens.

Die Nachricht von der Trauung im fernen Friedrichskoog an der Nordseeküste verbreitete sich mit Lichtgeschwindigkeit in der Berliner Kommunalpolitik. Die Reaktionen schwankten zwischen Überraschung, totaler Überraschung und spontan geäußertem Unwillen, die Kunde für wahr zu nehmen. Monika Thiemen und ihr Partner, der Programmierer Wolf-Dietrich Kroll, lebten seit fast 20 Jahren sorglos und ehelos zusammen. Warum sollten sie diesen Zustand leichtfertig verändern? Ja, warum? Frau Thiemen versucht, solche auf innerste Gefühlslagen zielende Fragen schon auf der weit vorgelagerten Sachebene abzufangen: „Eine Ehe ist mehr als die gemeinsame Vereinbarung des Zusammenlebens.“ Und zwar? „Man setzt sich mehr damit auseinander, welche gegenseitigen Verpflichtungen man eingeht.“

Ah, ja. Nein, Frau Thiemen sind keine Töne aus der Herzgegend zu entlocken. An der Beziehung zu ihrem Mann werde die Ehe eigentlich nichts ändern. Von einer etwaigen Last durch das traditionsschwere Institut der Ehe spürt sie auch noch nichts. Die Heirat im ruhigen Urlaubsort Friedrichskoog hatte ER sich gewünscht. Dort besitzen sie seit 1989 ein Ferienhaus. Mit der Kutsche fuhr das Paar zur Historischen Mühle. Dort wurde die Ehe perfekt gemacht. Die Hochzeitsgäste aus dem engeren Familienkreis waren erst kurz vorher eingeweiht worden – mit einem Postkartenpuzzle, auf dessen Rückseite die Einladung stand. Einigen kamen sofort die Freudentränen. Jawohl, echte Freudentränen! Vergleichbares gibt es sonst nur bei Olympischen Spielen zu sehen. Thomas Loy

HOCHZEIT DER WOCHE

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