Berlin : Tönende Geschichte: Die Magie der tönenden Truhe

Martin Groll

Wann Horst Dieter Schmahl eigentlich nach Berlin gekommen ist? An die genaue Jahreszahl kann er sich nicht mehr so genau erinnern, aber dass damals John F. Kennedy ermordet wurde, weiß er genau. Hat er ja im Radio gehört. Auch die Marke seines ersten Rundfunkempfängers hat er nicht vergessen. "Ein Telefunken", sagt der 60-Jährige nach kurzer Bedenkzeit. Heute besitzt er über 500 Geräte.

Ob Krisen, Krieg oder Wirtschaftswunder, die tönenden Kisten haben die Höhen und Tiefen dieses Jahrhunderts in die Wohnzimmerstuben der Deutschen gesendet. Die Geschichte der Unterhaltungselektronik bevölkert die Regale seines Ladens "Radio Art" in Berlin-Kreuzberg - von den ersten Röhrenempfängern der 20er Jahre über die legendären Volksempfänger bis hin zum Minifernseher im Astronautenhelm-Design von 1972. Jüngere Geräte kommen dem Mann nicht ins Haus, und schon gar nichts Digitales: "Musik von CD, ohne Knistern und Rauschen, das ist wie ein Essen aus der Chromstahlküche - da fehlt ein bisschen das Angebrannte", sagt Schmahl.

Vor fünf Jahren hat der gebürtige Kölner den Treffpunkt für Dampfradio-Nostalgiker gemeinsam mit seiner Frau Karin eröffnet. Schmahl hat das Handwerk in den 50er Jahren gelernt, in den goldenen Jahren des Rundfunks, "als das Geschäft explodierte". Nach dreijähriger Lehre bei "Radio Nord" in der Domstadt und Bundeswehr zog es ihn nach Berlin. Mitte der 90er hatte er keine so rechte Lust mehr auf die neue Technik - und machte seinen lang gehegten Traum vom Radio-Antiquariat wahr.

Die Kenntnisse aus den alten Tagen hatte er regelmäßig aufgefrischt, hatte immer wieder Liebhaberstücke restauriert, auch als Ablenkung vom Einerlei moderner Geräte. Sein Herz schlägt nun mal für die Röhrenradios und deren satten Klang: "Der Frequenzverlauf entspricht dem menschlichen Hörempfinden. Da brauchen sie keine Equalizer wie heutzutage." Aber auch die ersten Transistorenempfänger finden Asyl in Schmahls Radio-Himmel. Vor allem, wenn das Design stimmt.

Der Radionarr hat seinen Bestand über viele Jahre hinweg aufgebaut. Bekannte, Sammler und Händler versorgen ihn regelmäßig mit Geräten und Ersatzteilen. Schmahls ganzer Stolz ist die mannshohe Musiktruhe "Kuba Komet" aus dem Jahr 1958. Ihre Außenverkleidung aus hellem Holz hat die Form eines Blitzes, daher der Name. Fernseher, Radio und Plattenspieler sind darin integriert. Bei Auktionen könne man bis zu 16 000 Mark für das gute Stück erzielen. Wenn bei solchen Gelegenheiten zwei absolute Liebhaber aufeinander treffen, gebe es kaum Grenzen.

Schmahl ist da moderater. In seinem Laden richtet sich der Preis vor allem nach dem Aufwand der Instandsetzung - und den individuellen Kundenwünschen. Im hinteren Teil des Ladens hat sich der Tüftler eine kleine Werkstatt eingerichtet. Praktisch jeden Tag sitzt er dort und rückt seinen heißgeliebten Patienten mit Lötkolben und Schraubenzieher zu Leibe. Auch alte Grammophone und Schwarzweißfernseher gehören dazu. Vier bis sechs Wochen dauert es in der Regel, bis er so einen alten Apparat wieder in Gang bringt. Die Elektronik ist oft das kleinere Problem, sagt Schmahl. "Schwieriger ist das Gehäuse. Eine seltene Röhre lässt sich leichter auftreiben als ein bestimmter Schaltknopf." Zu den kleinen Glücksmomenten seiner Arbeit gehört es, beim Testen der Empfänger vorher nie gehörte Sender zu entdecken. "Bei günstiger Wetterlage hatte ich einmal das Bodenseeradio auf Kurzwelle. Das empfängt man sonst nicht in Berlin."

Seine Kunden sind vor allem Sammler. Über 50 Prozent kämen aus den alten Bundesländern. Auch Liebhaber aus New York oder Hawaii haben schon einmal den Rat von Radiodoktor Schmahl eingeholt. Immer öfter finden auch junge Leute, "die von ihren Großeltern einen Stapel Schellackplatten geerbt haben", den Weg in das 70 Quadratmeter große Radioparadies. Der neueste Trend seien Geräte aus dem Geburtsjahr als Geburtstags- oder Hochzeitsgeschenk. Schließlich ist "Radio Art" auch eine feine Adresse für Requisiteure von Film und Theater. Einen besonders lukrativen Auftrag hatte er vor zwei Jahren, als im Schlosspark Theater "Edith Piaf" gespielt wurde. "Da wurden viele Radios zertrümmert", lacht Schmahl.

Auch nach Feierabend sind Horst Dieter und Karin Schmahl von Radios umzingelt. In keinem der vier Zimmer ihrer Wohnung darf ein Gerät fehlen. Gerne lauschen die beiden der Klassik oder der Jazzmusik, aber auch die Beatles oder die Rolling Stones finden Gnade vor ihren Ohren. Nur bei den ganz harten Beats, sagt Schmahl, "da machen meine Röhrenradios nicht mehr mit".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben