Toiletten am Berliner Hauptbahnhof : Die Not mit dem Geschäft am Hauptbahnhof

Ein Rentner pinkelte ins Gleis - und legte den Verkehr am Berliner Hauptbahnhof lahm. Für 300.000 Fahrgäste gibt es dort nur 17 Toilettenschüsseln. Das wurde immer wieder als unzureichend kritisiert. Die Bahn sieht das anders.

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Lassen Sie mich durch, ich muss mal. Der Hauptbahnhof hat nur eine einzige Toilettenanlage.
Lassen Sie mich durch, ich muss mal. Der Hauptbahnhof hat nur eine einzige Toilettenanlage.Foto: Thilo Rückeis

Der Mann hat ganz schön Glück gehabt. Zwei Anzeigen wegen Ordnungswidrigkeiten hat der 79-Jährige erhalten, für die „Verunreinigung“ des Hauptbahnhofstunnels werden 35 Euro fällig. Die Höhe der Geldbuße für das „unberechtigte Betreten von Bahnanlagen“ steht noch nicht fest. Wie berichtet war der Potsdamer am Freitag im Tiefgeschoss des Hauptbahnhofs vom Bahnsteig in das Gleisbett geklettert und einige Meter in den Tunnel gelaufen – um in Ruhe zu urinieren.

Dass jeder Eindringling in dem Tunnel sofort eine Alarmanlage auslöst, wusste der alte Herr nicht. Als er nach dem Verrichten des Geschäftes auf den Bahnsteig zurückkehrte, wurde er von der Polizei begrüßt, die hat ihre Wache nämlich nur eine Treppe über der Toilette.

Mehrfach starben Männer beim Pinkeln

Andere Männer mit diesem Bedürfnis sind beim Pinkeln aufs Gleis schon ums Leben gekommen. Zuletzt starb ein Betrunkener im Mai vergangenen Jahres im S-Bahnhof Friedrichsfelde-Ost. Der 45-Jährige war beim Urinieren vom Bahnsteig ins Gleis gefallen. Dort erfasste ihn schließlich eine S-Bahn. Und 2007 starb ein 30-Jähriger auf ähnliche Weise auf dem Bahnhof Lichtenberg.

Glück hat der Potsdamer Rentner auch juristisch. Eine rechtliche Prüfung der Bundespolizei ergab, dass seine Erleichterung im Tunnel keinen „gefährlichen Eingriff in den Schienenverkehr“ darstellt. Auf diese Straftat stehen sechs Monate bis zehn Jahre Haft. Ein menschlicher Körper sei nicht ein im Strafgesetzbuch genanntes „Hindernis“, und zudem musste kein Zug eine echte Notbremsung hinlegen. Nur vorsichtshalber hatte die Bahn kurz den Verkehr gestoppt, fünf Züge verspäteten sich um 38 Minuten.

Wieso der Mann im Gleis pinkeln wollte, hat die Polizei nicht ermittelt. Ob er zu bequem war, die Bahnhofstoilette zwei Etagen weiter oben aufzusuchen, oder die Not zu groß war, ist unklar. Im Erdgeschoss gibt es eine Toilette, die sich im Bahn-Deutsch „rail & fresh“ nennt und sogar eine Internetseite hat. Auch der Eintritt in diese „Wohlfühl-Atmosphäre“, wie es auf der Werbeseite heißt, ist spürbar, er beträgt einen Euro. „Aber“, betont Thorsten Röder von der Betreiberfirma, für den Euro gibt es einen Gutschein im Wert von 50 Cent. Und dieser ist beim nächsten Bedürfnis einlösbar. Bei der Konkurrenz ist das nicht möglich“, betont der Mann auf der Toilette. Zudem, erzählt Thorsten Röder von der Pächterfirma, sei seine Einrichtung rund um die Uhr geöffnet und rund um die Uhr mit Personal besetzt. Kinder dürfen übrigens gratis – das muss er jetzt mal betonen.

Vorübergehend gab es eine zweite Toilettenanlage

Seit der Eröffnung der Station im Mai 2006 wurde über die Zahl der Toiletten diskutiert. Von den anfangs bis zu 600 000 Besuchern wurde das einzige Klo regelrecht überrannt. Heftig wurde die Bahn kritisiert, dass die Zahl der Schüsseln im Verhältnis zur Größe des Bahnhofs nicht ausreichend sei. Vorübergehend öffnete die Bahn eine weitere Toilettenanlage im ersten Untergeschoss, diese sollte eigentlich den Angestellten der vielen Geschäfte vorbehalten sein.

Irgendwann, als der Besucherandrang nachließ, wurde das zweite Klo in der Etage „Minus 1“ wieder geschlossen. Heute reiche die eine Anlage im Erdgeschoss völlig aus, sagte ein Bahn-Sprecher. Schließlich seien es heute nur noch 300 000 Fahrgäste und Besucher pro Tag. Auch Thorsten Röder von der Pächterfirma meint, die Anlage mit zehn Schüsseln für Frauen und sieben für Männer sei ausreichend dimensioniert.

Im Jahr 2011 ist die 246-Quadratmeter-Toilette saniert worden. Dass jedes Klokonzept seine Tücken haben kann, erlebte eine ältere Dame am Freitagmittag. Sie wollte mit einem 50-Euro-Schein hinein, doch das Bahnhofsklo akzeptiert maximal 20-Euro-Noten. Sie musste ihr Geld schließlich wechseln gehen.

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