Berlin : Tony Andrews: Das bestgehütete Geheimnis in Europa

Elisabeth Binder

Als Tony Andrews im Frühling aus Moskau nach Berlin kam, hatte er zunächst Heimweh. "In Moskau werden wir wirklich gebraucht", lautete sein Resümee. Dagegen Berlin: fast überall spricht man Englisch, Einkäufe, Restaurantbesuche sind für niemanden ein Problem, und auf den Empfängen der neuen Berliner Gesellschaft unterhält man sich über britische Literatur so selbstverständlich wie über die letzte Premiere in der Schaubühne. Also, wo ist die Herausforderung für den neuen Chef des britischen Kulturinstituts in Deutschland? In Moskau gab es Pionierarbeit zu erledigen. Und hier?

Drei Monate dauerte es, bis das Heimweh verflog. Viel weniger Zeit brauchte Tony Andrews, um die sehr ernste Herausforderung zu erkennen, der sich der britische Kulturchef in Deutschland stellen muss. Das Problem liegt nicht so sehr am Einsatzort, sondern daheim. Und es ist nicht unter den gebildeten Schichten zu suchen, mit denen Kulturmenschen normalerweise zusammenkommen, sondern in der Arbeiterklasse. Schauplätze der tiefer werdenden Kluft sind nicht Kulturlandschaften, sondern die Fußballstadien. Mitarbeiter des British Council haben Beispiele mitgebracht aus dem Wembley-Stadion, als England und Deutschland gegeneinander spielten, und die Deutschen gewannen. "Wenigstens haben unsere Großväter einige von ihnen gekillt", trösteten sich zwei Hooligans über die Niederlage hinweg. Fernsehshows und Billigblättchen tun das Ihre, um die Vorurteile britischer Unterschichtsangehöriger gegenüber den Deutschen noch zu schüren. Deutsche werden als Nazis betrachtet, und der Hass wächst. Im letzten Sommer wurden deutsche Schüler in Cornwall als Nazis und Hexen beschimpft und von Kindern, die zum Teil erst sechs Jahre alt waren, mit Steinen beworfen. Die Eltern feuerten sie noch an.

Diese Entwicklung bereitet dem 53-jährigen British-Council-Chef große Sorgen. "Wir haben an einem Punkt etwas versäumt, und es wird sehr schwierig werden, das wieder gutzumachen", sagt er. Allein die Austauschzahlen sprechen Bände: während pro Jahr 13 000 junge Deutsche nach England gehen, kommen umgekehrt nur 2000 junge Briten hierher. "Viele wollen die Sprache nicht lernen und reisen auch nicht gern", hat Andrews beobachtet. Ein bisschen liegt das aus seiner Sicht auch an der schlechten Vermarktung der Stadt: "Berlin ist das bestgehütete Geheimnis in Europa". Aber das ist nur ein Teilaspekt. Was aus seiner Sicht ausschlaggebender ist für die unguten Gefühle: "Die Briten haben den Krieg nicht vergessen."

In einer Bibliothek wird man unter dem Stichwort "Frankreich" lange Buchreihen über Wein und Essen finden. Unter "Deutschland" handeln 80 Prozent der Bücher vom Krieg. Wenn sich diese Grunddisposition mischt mit der nahezu kriegerischen Leidenschaft der Engländer für den Fußball, entsteht ein explosives Gemisch, das spätestens bis zur Fußballweltmeisterschaft 2006 entschärft werden muss. Vor allem müssen, wie Andrews es sieht, die Begegnungen in der problematischen Schicht sehr verstärkt werden. "Wir müssen die Wahrnehmung der Deutschen durch die britischen Jugendlichen unbedingt verändern." Rund 250 000 Kinder aus der Arbeiterklasse und aus ethnischen Minderheiten will er in den nächsten fünf Jahren nach Deutschland bringen. Sportaustauschprogramme werden dabei eine wichtige Rolle spielen. Natürlich hofft er auf die Zusammenarbeit mit deutschen Organisationen und Sponsoren. "Idealerweise läuft es so, dass jemand 50 Prozent der Kosten übernimmt, und wir finden die anderen 50 Prozent."

Der Drang zum Sparen macht eine große Herausforderung noch größer. Gerade hat das British Council alle seine deutschen Filialen geschlossen und nur das Berliner Hauptquartier gewissermaßen als Leuchtturm stehen gelassen. Von hier aus sollen alle Aktivitäten nun ausgehen. "Wir können es uns einfach nicht mehr leisten, teure Mieten in München oder Hamburg zu bezahlen", sagt Andrews. Das Geld werde dringend gebraucht in Russland und Kasachstan und auch in China. Das Budget für Deutschland wird zwar um 45 Prozent reduziert; mehr Effizienz bei der Ausgabe des Geldes soll jedoch helfen, dass die Aktivitäten nicht zu sehr eingeschränkt werden müssen. Bislang habe man 18 Prozent des Geldes für Aktivitäten ausgegeben, demnächst sollen es 60 Prozent sein. "Man darf sich nicht täuschen lassen von der zivilisierten Grundstimmung in intellektuelen Zirkeln. "Da draußen, das ist eine andere Welt", sagt der Mann, der aus Russland kam. Die russische Sprache versteht er wie auch die portugiesische.

Sein Deutsch sei allerdings auffrischungsbedürftig. Dabei hat er als kleiner Junge in Braunschweig gelebt, weil sein Vater bei der Armee war. Er erinnert sich an wunderbare Schmetterlinge, an Ausflüge in der offenen Lagonda-Limousine in den Harz und an die dünnen deutschen Freunde in Sandalen und Lederhosen: "Damals haben wir unsere Rationen mit ihnen geteilt." Damals, das war viel näher dran am Zweiten Weltkrieg, und dennoch war die Stimmung offensichtlich besser als heute im England der kleinen Leute, wo das Liegen-Blockieren in spanischen Urlaubszentren als eine neue Form des Ersatzkrieges gesehen wird.

Vor Kulturunterschieden sind allerdings auch Intellektuelle nicht gefeit. Vielleicht tragen ja auch kleine Dinge zu Missverständnissen bei. Tony Andrews, geboren im holländischen Delft mit deutschem, dänischem, irischem und auch ein bisschen schottischem Blut in den Adern, trägt Europa gewissermaßen in den Genen spazieren. Wie auch seine Frau, seine Kinder und andere Mitglieder der Familie hat er die renommierte Universität St. Andrews besucht, für die sich jetzt auch der englische Thronfolger angemeldet hat. Zu Hause fühlt er sich auf seiner Farm in Schottland, zu der auch ein Stück Fluss gehört. Dort fischt er Lachs, und manchmal segelt er vor der Westküste bis hinaus zur Isle of Skye. Segeln und Fischen das würde er auch in Berlin gern machen, aber da wird er vorher behördlich angeordnete Prüfungen bestehen müssen. "Die Examen bestehe ich nie", wehrt er ab. Noch ein Grund für Heimweh, aber dagegen helfen Wochenendtrips ins unbeschwertere Schottland. Sein größter heimlicher Wunsch? "Eine direkte Flugverbindung nach Edinburgh und Glasgow!". Es gibt eben viele Möglichkeiten, einander näherzurücken. Auch im fast vereinigten Europa.

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