Berlin : Topographie: Abbruch zum Aufbruch

Nach der Niederlage des Architekten Zumthor beginnt nächste Woche der Abriss der Treppentürme

Christian van Lessen

„Am Montag fangen wir an“, kündigt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung an. Sie will diesmal nichts entwickeln, sondern beseitigen. Nachdem das Bundesverfassungsgericht die Beschwerde des Architekten Peter Zumthor abgelehnt hat, soll der Abriss der Treppenhaustürme auf dem Gelände der Topographie des Terrors am Montag vorbereitet werden. Am Donnerstag beginnt dann der wirkliche Abbruch der Bauten. „Ich schaue mir das nicht an“, sagt Andreas Nachama, Geschäftsführender Direktor der Stiftung Topographie des Terrors. Das ganze Verfahren, der jahrelange Stillstand, das viele, in den Sand gesetzte Geld – das sei sehr schmerzlich gewesen, sagt er. Aber nun könne man wieder nach vorn schauen. Das Gelände solle, von Türmen befreit, bis zum 8. Mai der Öffentlichkeit wieder zugänglich werden.

Aber zuvor bereitet die Senatsverwaltung den Türmen, den einstigen Vorboten und jetzt Relikten der Planung des Architekten Peter Zumthor, ein Ende. Der Abriss kostet rund 160 000 Euro und soll bis zum Jahresende erledigt sein. Dabei gehen rund 13 Millionen verbaute Euro in Trümmer, gut ein Drittel der Kosten, die das geplante NS-Dokumentationszentrum zuletzt kosten sollte. Aber weil der Senat, der sich mit dem Bund die Hälfte der Kosten teilt, mit einer weiteren Verteuerung des komplizierten Bauwerks rechnete, entschied er sich für den Abriss der ersten Rohbauten. Einen neuen Wettbewerb bereiten der Bund und die Stiftung für das Frühjahr vor, mit einer Entscheidung wird noch 2005 gerechnet. Peter Raue, der Anwalt des Architekten, sieht den Ruf Berlins als internationale Architektenstadt beschädigt. Sie habe es nicht geschafft, mit einem weltweit renommierten Planer zurechtzukommen. Zweimal sei juristisch interveniert und der Abriss verschoben worden, „wir haben alles versucht“. Aber nun sei der Fall vorbei, nun müsse man abwarten, wie sich die Stadt mit Zumthor einigt. Vom Schweizer Architekten war gestern keine Stellungnahme zu erhalten. Bernhard Strecker, der in Berlin unter Architekten vor wenigen Wochen eine ProZumthor-Initiative startete, glaubt, dass der Kampf um die Treppenhaustürme und für das gesamte Projekt zu spät kam. Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) kündigte den Vertrag mit Zumthor immerhin schon im Mai. Aber man habe wenigstens erreicht, dass der Senat jetzt mit einem stärkeren öffentlichen Bewusstsein für das ehemalige Gestapo-Gelände konfrontiert sei. Die Resonanz auf die geplante Abrissaktion habe alle Erwartungen übertroffen: Rund 40 namhafte Künstler und Schriftsteller wie Wim Wenders, Peter Handke und Walter Jens, berühmte Architekten wie Norman Foster und Renzo Piano hatten gefordert, das Bauwerk des Schweizers zu verwirklichen. Aber jetzt, sagte Strecker, müsse man sich mit dem Abriss abfinden, dürften keine weiteren Kriegsschauplätze entstehen. Das Gericht habe mit Augenmaß entschieden, meint dagegen Andreas Nachama. Es sei dem Standort nie angemessen gewesen, eine reine Bau- und Kostendiskussion zu führen. Die Entscheidung der Verfassungsrichter bringe Planungssicherheit und auch die nötige Freiheit für eine angemessene, würdige Gestaltung. „Keine Baukunst, nicht ein Neubau, sondern das Gelände mit seiner Geschichte stehen im Vordergrund.“ Die Zumthor-Befürworter der vergangenen Tage, sagt Nachama, hätten das nicht gesehen, „sondern die jahrzehntelange Verdrängungsgeschichte durch Betonstäbe festschreiben wollen“.

Betonstäbe waren ein Merkmal des Entwurfs von Peter Zumthor, des Wettbewerbssiegers von 1993. Damals wurde der Entwurf hoch gelobt, die Architektur des geplanten Dokumentationszentrums erschien filigran. Aber die Begeisterung schwand, als im Verlauf der Planung die kalkulierten Kosten um rund das Doppelte stiegen und beteiligte Baufirmen Pleite gingen. Es gab Krisentreffen mit dem Architekten, der Senat zog angesichts der Haushaltslage eine Kostengrenze von 38,9 Millionen Euro.

„Wir hoffen, dass nun die eigentliche Arbeit der Stiftung und deren Auseinandersetzung mit dem Wirken der Täter des NS-Regimes im Mittelpunkt stehen“, sagt Nachama. Dazu gehört, das Gelände in größerem Umfang wieder zugänglich zu machen, etwa die historischen Küchenkeller, und die Markierung der Zellenböden mit einem vorläufigen Dach zu versehen. Zeitprognosen für einen Neubau will er – die Erfahrung lehrt ihn – nicht nennen.

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