Berlin : Topographie des Geistes: Berlin, mein Benzin!

Andreas Conrad

Gleichgültig ließ die Stadt keinen der Dichter und Denker, die hier ihrer Arbeit nachgingen. "Diese Erregung der Straßen, Läden, Wagen ist die Hitze, die ich in mich schlagen lassen muss, wenn ich arbeite, das heißt: eigentlich immer. Das ist der Benzin, mit dem mein Motor läuft", pries Alfred Döblin 1922 Berlin. Hans Fallada hingegen in seinem ländlichen Exil im mecklenburgischen Carwitz sah das ganz anders: "Berlin, die Stadt überhaupt, ist mir von Grund auf verhasst und schädlich." Bis in Ehen hinein geht dieser Riss zwischen Faszination und Ablehnung: Bettina von Arnim, gebürtige Frankfurterin, hielt ihrer Wahlheimat Berlin bis zu ihrem Tode die Treue, führte hier einen von den Gebrüdern Grimm, Alexander von Humboldt und oppositionellen Demokraten gerne besuchten Salon. Achim von Arnim aber, Berliner von Geburt und seit 1811 mit Bettina verheiratet, zog sich zuletzt immer mehr auf sein Gut in Wiepersdorf zurück: "Ich fühle in Berlin physisch und geistig meinen Untergang."

Doch wie auch immer die Meister der Wortkunst zu Berlin standen, sie kamen an der Stadt nicht vorbei und haben sie im Laufe der Jahrhunderte zu einer der wichtigsten Adressen der (nicht nur) deutschen Literatur gemacht. Und markierte man auf einem Stadtplan all die Orte, die für die zahllosen Poeten Bedeutung hatten, da sie hier ihr Jahrhundertwerk vollendeten, da wohnten und dort begraben liegen - an einigen Ecken würde es ganz schön unübersichtlich.

Das ist schon das Problem des "Dichter und Denker Stadtplans" für Berlin, ein zunächst einmal lobenswertes Projekt, das an ähnliche Pläne für Weimar, Jena, Heidelberg, Marburg, Frankfurt/Main, Leipzig, Dresden anschließt. 42 Kurzbiografien enthält das Begleitheft zu dieser "Topographie des Geistes", von den Arnims bis zu Christa Wolf, eine ebenso notwendige wie immer auch angreifbare Auswahl, fielen ihr doch Wortgewaltige wie Friedrich Schlegel, Friedrich de la Motte-Fouqué, Wolfgang Borchert, Johann Wolfgang von Goethe, der philippinische Nationaldichter José Rizal und viele andere zum Opfer, die hier alle mal ihre Visitenkarte abgaben und häufig nicht nur das. Verfasst wurden die Dichter- und Denker-Miniaturen von Michael Bienert, der schon mehrfach sorgfältig recherchierte Arbeiten zur Berliner Literaturgeschichte vorgelegt hat. Bei aller Kürze sind sie erfreulich informativ ausgefallen, wurden auch, sofern möglich, mit Berlin-Bonmots des jeweiligen Literaten gewürzt.

Fragwürdig wird die Kürze freilich, wenn Heinrich Manns Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof (anders als das Bertolt Brechts) im Begleitheft keine Erwähnung findet. Erst nach Suchen findet man diese Information in den Erläuterungen zu einer auf der Rückseite des Stadtplans gedruckten Sonderkarte. Dort werden 26 weitere Autoren in noch kürzeren Texten gewürdigt, gegliedert nach den Beikarten Grunewald, Südwesten und eben Dorotheenstädtischer Friedhof.

Entscheidend bleibt der Stadtplan. Man hat sich hier für einen von 1931 entschieden, eine dekorative, stadtgeschichtlich interessante, doch nicht eben praktische Lösung, schon wegen der vielerorts geänderten Straßennamen. An sich müsste man eine aktuelle Karte danebenlegen. Viel weiter käme man damit aber auch nicht, wurden doch im Beiheft ausgerechnet die Koordinaten der gut 200 Adressen für entbehrlich gehalten. So wird aus der Orientierungshilfe für Literaturfreunde eher ein Such- und Geduldsspiel.

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