Berlin : Tor oder Handicap

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Von Andreas Conrad

Der Platz der Republik, dessen künftige Nutzung derzeit heftig diskutiert wird und Anlass zu manchem Pro & Contra gibt, ist schon durch seinen Namen als demokratisches Gelände ausgewiesen. Man wird also erwarten dürfen, dass die dort zulässigen Vergnügungen den Zeitgeist als nationales Stimmungsbarometer zu spiegeln haben. Da stellt sich in der Tat die Frage, ob Fußball, künftig offiziell verpönt, dies noch zu leisten vermag. Gewiss, hier und da wird immer noch gekickt, aber ist das noch zeitgemäß? Und vor allem: Passt das noch zum neuen Berlin, zur Hauptstadt der Glaspaläste und Marmorburgen, des Glamours und Glitzers? Genügt eine Sportart, bei der vor allem getreten wird, den subtilen Anforderungen der modernen Gesellschaft? Oder muss sich das Volk, wenn es entgegen der Behördenmeinung auf seinem Ballwechsel an besagtem Ort besteht, eine ganz andere Sportart wählen?

Vor einigen Jahren noch wäre das Tennis gewesen. Der Generation Golf allerdings ist nur noch mit Handicaps beizukommen. Geradezu prophetisch muss nachträglich das vor genau zehn Jahren unterbreitete Ansinnen des amerikanischen Künstlers John Powers anmuten, der zwischen Spreebogen und Potsdamer Platz den Bau eines Golfplatzes mit 18 Löchern vorschlug. Man wird diese Pläne leider abspecken müssen, die seither entstandenen Neubauten wieder abzureißen, dürfte niemand fordern. Aber die Manager der umliegenden Unternehmen werden den Ausgleichssport mit ViererEisen selbst in kleinem Format zu schätzen wissen – übrigens ein kaum zu überbietender Standortvorteil für Berlin. Und der Abschlag von Powers’ Fairway 1 ist auch noch immer zu haben: der linke Steinquader der Freitreppe.

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