Berlin : Tortenschlacht: Café Josty

Susanne Kippenberger

Kann Kakaotrinken lebensgefährlich sein? Der Herr am Nachbartisch scheint das zu befürchten. Entspannt lehnt er sich im roten Ledersessel der feinen Bar zurück, wärmt sich an seiner heißen Schokolade, guckt sich um in dem hohen hellen Raum - und kriegt Angst: dass ihm die Decke auf den Kopf fällt. Der Stuck hat doch so viele tiefe Risse. Oder ist das gar kein Stuck? Sieht aus wie Styropor. Der Herr ist verwirrt.

Armer Mann. Wie die meisten, die an diesem Sonnabendnachmittag das Josty füllen, ist er zu Besuch in der Stadt. Wie soll er da wissen, dass Berlin sich in den 90er Jahren seine goldenen 20er Jahre noch mal neu erfunden hat. So stampfte man erst den neuen Potsdamer Platz aus dem Boden und setzte ihm dann eine nostalgische Mütze auf, nannte die engen Straßenschluchten Gassen und schmückte sich mit großen Namen: Marlene Dietrich, Billy Wilder, Café Josty. Das legendäre Kaffeehaus war zwar schon lange vergangen, aber Tote lässt man in Berlin gern wiederauferstehen, Adlon, Schloss und Bauakademie, alles will man wiederhaben - aber missachtet das Alte, das es noch gibt. Schinkels Elisabethkirche verfällt, der ansehnliche Rest des Grand Hotels Esplanade am alten Potsdamer Platz musste einer Straße weichen. Mit gigantischem Aufwand wurde er ein paar Meter versetzt, auseinander gepflückt, wie ein schlechtes Puzzle wieder zusammengesetzt und unter eine Glasglocke gepackt.

Dabei ist der moderne Teil dieses Etablissements für jede Gelegenheit - Café-Bistro-Restaurant-Bar - durchaus angenehm und schnörkellos; aber die Bar ist ein misslungener Zwitter aus Alt und Neu. So löblich die Absicht ist, mit den Rissen in der Decke auf die Brüche zu verweisen - überzeugend wirkt es nicht, wenn man sich so umguckt beim Kakao- und Kaffeetrinken. Denn das kann man auch in der Bar, im gläsernen Hochparterre, nur muss man vorher am Eingang den Kuchen inspizieren. Etwas traurig sieht der aus, lauter Biskuitcremetorten im gläsernen Käfig, der Apfelstrudel von der Theke dagegen ist eine angenehme Überraschung. Der ist so, wie er sein sollte, hauchdünner Strudelteig, viel Frucht mit Rosinen, dazu Eis und Sahne und ein schön starker Kaffee.

Bei dessen Genuss hat man ein großes Publikum, denn man sitzt im gläsernen goldenen Käfig der Bar ein bisschen wie im Zoo. An der Scheibe drücken sich die Neugierigen die Nasen platt, wollen die Reste des alten Grand Hotels sehen, die schönen Lüster an der Decke und die Treppe mit dem golden verschnörkelten Geländer. Nur führen die alten Stufen im neuen Josty ins Nichts. Genauer gesagt auf einen winzigen Absatz, auf den noch ein paar Sessel gequetscht wurden. Es tut richtig weh, wie aller Sinn für Proportionen in diesem Raum missachtet wurde. Das Flaschen-Regal der Bar steht genau vor dem Sprossenfenster, von dem nur noch ein schmales Stück dahinter vorlugt, Tische und Sessel sind so nah an die Treppe gerückt, dass die Kellnerin mit einem Bein über die Stufe laufen muss, um vorbeizukommen. Die pure Kulissenarchitektur - vielleicht das Passende für den Ort, an dem demnächst die Berlinale beginnt. Allerdings: Hollywood hätte das sicher viel besser hingekriegt.

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