Berlin : Tortenschlacht: Café Kammann

Deike Diening

Wenn alte Frauen beim Kuchenessen ihre Wollmützen aufbehalten, dann ist das eine Garantie für exzellentes Gebäck. Zuverlässiger als jede Bauernregel. Es sind diese Frauen, die schon vor letzten Jahrzehnten das Tortenessen zu olympischer Reife gebracht haben, als irgendwann die Kriegs- durch Kalorienbomben ersetzt wurden. Eigentlich bräuchte man nur an einem Sonntagnachmittag auf dem Kaiserdamm einer dieser Frauen zu folgen, irgendwann würde sie trittsicher in einen gläsernen Windfang treten, einen dunkelroten Vorhang beiseite schieben und im Café Kammann verschwinden. Sie lässt die enorme Kuchentheke links liegen, wendet sich nach rechts zum rosa Nachkriegsplüsch, sinkt in einen verschossenen Sessel, der gnädig alle Gewichte aufnimmt und gibt bei einer Kellnerin, die sie mit Namen kennt, ein dickes Stück Torte mit einem Kännchen Kaffee in Auftrag.

Aus einer Zeit, in der Tortenstücke noch ganze Sonntage retten konnten, hat sich das Café Kammann in die Gegenwart herübergerettet. Inzwischen ist es in Ehren gegilbt. Ein älteres Ehepaar in der Ecke verschwindet hinter einem sahnegekränzten Eisbecher. Einer jüngeren Frau in der Ecke gegenüber verstellt die majestätische Baiserhaube auf ihrem Kuchen fast die Sicht.

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Die Stücke kommen im Liegen, denn stehen können sie bei dem Gewicht nicht mehr. Das Himbeer-Schoko-Stück füllt den Teller. Die Eierlikör-Nugat-Sahne-Torte ist ein geachtelter Fussball. Was trinken wir dazu? "Ein Kännchen Kaffee!" rascheln die Raffgardinen, da müssen wir uns wohl den Forderungen des Ortes ergeben. Die Bedienung trägt so weiße Bluse, schwarzen Rock und ein Spitzenschürzchen, man möchte Servierfräulein zu ihr sagen. Der Darjeeling und das Kännchen Kaffee kommen auf einem silbernem Oval.

"Neun Schichten!", hat eine der drei bejahrten Grazien vom Nebentisch in ihrem Stück Torte gezählt. Imposante Becher Eisschokolade mit Sahne schweben vorbei. Irgendwie hat das Café zwei Weltkriege überdauert. Ob es an der vielen Sahne gelegen hat? Im Fenster hängt ein Plakat: Man wurde vom Magazin Feinschmecker zu einem der 450 besten Bäcker Deutschlands gekürt. So als hätten wir nicht schon längst bemerkt, dass dies hier ein ganz großartiges, schrulliges, einmaliges Café ist.

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