Berlin : Tortenschlacht: Café Savarin

Deike Diening

"Komm, aufstehen, heute gehen wir Torten schlachten", rufe ich. Frühlingslauer, feuchter Wind fährt durch die Haare. Da, wo in der Kulmer Straße bunte Glühbirnen leuchten, schwingt eine Eisfahne. Die gestreifte Markise ist schon ausgerollt, und ja, das Kanapé ist frei. Das rote Kanapé, das Glück. In fünf Jahren wiederkehrender Savarin-Besuche zum ersten Mal auf den roten Zweisitzer! Nicht, dass man auf einem der anderen Holzstühle schlecht säße, aber doch.

Hier gibt es Torte und Tarte. Jede süße Köstlichkeit findet ihr gesalzenes Echo: In der rechten Tresenhälfte stehen Birnen-Schokoladentorte mit Eierlikör, Schwarzwälderkirsch und Pflaumen-Käsekuchen, in der linken eine Blumenkohltarte, ein Quiche-Lorraine, eine Gemüsetorte mit Curry und Huhn. Wir bestellen ein warmes Stück Mozarella-Tomaten-Tarte mit Krautsalat. Dann ein Stück französischen Nusskuchen, auf dessen saftigem Rumpf sich karamelisierte Haselnüsse rekeln.

Äußerlich passiert dem Savarin gerade das, was Klassikern idealerweise immer passiert: Es entwickelt Patina. Es gibt Tischuntergestelle von alten Nähmaschinen, die Wände sind gilb-gelb, teilweise verabschiedet sich der Putz von der Wand.

Um unser Sofa, das einzige, entspinnt sich unterdessen ein Geflecht von Verlangen und Enttäuschung unter den Gästen. Wer immer den grünen Türstoff beiseite schiebt - der erste Blick gilt dem Sofa. "O schade," sagt man dann und beobachtet, wie sich beim Sofa-Inhaber der Milchkaffeepegel in der Schale senkt. Wir bestellen noch einen Rhabarbertrunk und einen Jasmintee. Den Eierlikörshake und andere ausgefallene Sachen verschieben wir auf das nächste Mal. Wenn wir unbeneidet wieder auf einem Holzstuhl sitzen.

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