Berlin : Tortenschlacht: Eckstein

Juliane von Mittelstaedt

Ich liebe es, mit meiner Tante, 83 Jahre alt, das Eckstein zu betreten. Sie geht vor, ich folge ihr. Jedesmal warte ich darauf, dass ein Kellner hervorspringt und fragt, ob sie sich verirrt habe. Dafür halten wir schon immer ein paar Sprüche bereit, doch leider hat es bisher noch keiner gewagt. Meist wird es einige Sekunden etwas ruhiger, bevor die Sitzenden ihre Sätze vollenden, bevor die Zigaretten wieder in die Münder wandern. Hier verkehren Studenten. Menschen wie meine Tante vermögen es, mit wenigen Besuchen das Durchschnittsalter deutlich zu heben.

Die Kellnerin eilt verständnisinnig lächelnd herbei (Aha, die Erbtante!). Die Tante bestellt Schokolade, ohne Sahne, man selbst eine große Schale Milchkaffee schön aufgeschäumt. Beim Herzenswunsch der marzipansüchtigen alten Dame nach winterlich-zimtigen Bratäpfeln muss die Bedienung jedoch passen. Dabei ist dieses Begehren in Anbetracht des frostigen Wetters verständlich, zumal Bratapfel mit Marzipanfüllung auch auf der Karte steht. Die Bestellung nimmt jedoch eine Wende ins Gute, wir einigen uns gütlich auf ein Stück des Apfelstreuselkuchens, auch die Croissants schauen gut aus, frisch und selbstgebacken nämlich. Der Apfelkuchen steht da nicht zurück, er schmeckt saftig, frisch und lebhaft. Um uns herum klappern die Gabeln und klirren die Löffel in den Teegläsern. Die Kaffeemaschine übertönt im Minutentakt sämtliche Unterhaltungen im näheren Umkreis.

Gut gefüllt ist das Café ab 14 Uhr. Der Lieblingsplatz der meisten Gäste liegt ein paar steile Stufen hoch. Er wird oft von schmachtenden Pärchen beansprucht, die ihn wegen seiner Abgeschiedenheit vom Mob auf ebener Erde vorziehen. Die Tische entlang der Bar sind fast zur Gänze besetzt. Wer Glück hat, der sitzt am Fenster und genießt die neidischen Blicke, die Passanten hereinwerfen. Neben meist drei Kuchensorten gibt es etliche Frühstücksvarianten, Salate und überbackene Baguettes sowie ein wechselndes Speiseangebot. Neben uns stochert gerade eine Frau in ihrem üppig-bunten Salat herum, ihr zeitungslesender Begleiter wagt ab und zu einen Bissen vom Gulasch. Als wir uns behende durch das Tisch- und Stuhlgewirr zum Ausgang schlängeln, verfolgen uns ihre lesebrillentrüben Blicke. Die rotlockige Kellnerin wünscht noch einen schönen Tag, wir wünschen zurück. Der Gulasch-Esser schaut wieder auf seine Zeitung. Es war wieder einmal Revolution im Eckstein.

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