Berlin : Tortenschlacht: Galeries Lafayette

Deike Diening

Die Wiener, heißt es, gingen ins Café um dort alleine zu sein. Aber in Gesellschaft. Die Franzosen, weiß man, kaufen ihre Törtchen in verwinkelten Patisserien, um sie dann in liebevoll umbändelten Pappschachteln wie Schätze nach Hause zu tragen. In der Filiale der Galeries Lafayette kann man Wiener und gleichzeitig Franzose sein. Die Franzosen, denkt man sich, pflegen ein viel zarteres Verhältnis zur Süßigkeit. Auch Tortenstücke werden individualisiert, jedes für sich komplex, raffiniert und nicht so leicht zu entschlüsseln. Und auch wenn hinter dem Glastresen nicht Schokolade rührend eine Juliette Binoche steht, sondern eine Blonde mit hygienischen Plastikhandschuhen, nehmen wir die Tarte Emilie - Eischaum mit Äpfeln und Zimt ruhen sich auf Blätterteig aus. Dem Zucker ist irgendwann zu heiß geworden. Der ist jetzt Karamel. Boulevard Berlin:
Was die Stadt bewegt... "Duchesse", heißt die Schokomousse im Schokomantel. Im Pelzmantel sitzt eine Frau unbeweglich vor einem Duchesse-Törtchen, die Gabel fest umklammert, und starrt an dem Gewusel vorbei ins Leere. Ein gutgelaunter Junge hinter dem Tresen vermittelt das Gefühl, dass selbst der Kauf eines wunderbar pfundsgewichtigen Törtchens eine eingehende Beratung wert ist.

Nur muss man hier eine Menge abstrahieren, um dem Gebäck die gebührende Aufmerksamkeit zu widmen. Zum Beispiel die Keramikangebote. Oder die Käsetheke. Je nachdem, wo man sitzt. Man schwört sich dann, die zielstrebigen Shopper seien eigentlich Flaneure und das wilde Klingeln der Kassen ein Glockenspiel. Wem das zu viel mentaler Arbeit ist, der kann sich diese grandiosen Törtchen in eine viel versprechende Pappschachtel packen lassen, und sie baumelnd nach Hause tragen. Nur sonntags haben die Galeries zu. Da ist es gut, die Pappbox schon im Kühlschrank zu haben, deren Inhalt an jedem Ort der Wahl Frankreich simulieren kann.

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