Berlin : Tortenschlacht: Tadschikische Teestube

Deike Diening

Es wird wohl in keinem Café dieser Stadt so viel gestreichelt wie hier. Das ist innenarchitektonisch bedingt: Um die wenigen niedrigen Tische lagern sich die Menschen auf ungeschüttelten bunten Kissen, die Schuhe mit den schmuddeligen Spuren Stadt lassen sie gleich am Eingang zurück. Sie strecken die Füße auf den Teppich, unter den Tisch, falten sie im Schneidersitz oder setzen sich drauf.

Schon bald knien sich wohlwollende, verpeilte Kellner neben die Tische, um die Rumrosinen abzustellen und zu erklären, dass man von dem süßen Fondant ein Stück abbeisst, und dann den Tee im Mund darüberlaufen lässt, denn das ist die russische Teezeremonie: ein Samowar - eine Kanne konzentrierter Teesud und Wasser zum Aufgießen, eine Schale mit Keksen und viele kleine Schälchen mit Zutaten, die man geschmacksverstärkend in den Tee rührt: Marmelade, Rumrosinen, Zitronat, Orangeat und das Fondant. "Den Wodka dann immer zwischendurch trinken zur Geschmacksneutralisierung", empfiehlt unser Bote aus der Küche, denn was wäre eine original russische Teezeremonie ohne das dazugehörige hochprozentige Wässerchen?

Menschen, die es in den Knien haben oder Löcher in den Socken, können an vier Tischen sitzen, hinter den holzgeschnitzten Säulen. Hier kann man die Schuhe anbehalten und beobachten, dass die Teekannen auf den Samowaren auf gleicher Höhe schweben wie die Köpfe der gelagerten Leute. Häufig gibt es überhaupt keine Musik. Dann sitzt man zur Musik der Worte um die Tische, denn die Tees lösen die Zungen und wärmen und machen ganz schrecklich vertraut.

Es sitzen tief dekolletierte Geisteswissenschaftlerinnen der benachbarten Humboldt-Uiversität in gefälligen Posen, Väter mit ihren Söhnen und ganze Freundeskreise um einen Samowar. Hier drinnen sind die Linden gleich vorne mit ihrem Programm für Nostalgiker und Touristen ganz weit weg. Wir trinken den Wodka, der ein bisschen nach Uhu riecht und eine Schachpartie lang bleibt der Samowar wohl heiss.

Und während wir zusehen, wie die Stellungen der Gäste fallen, können auch wir auf den Kissen nicht anders als fallen, fallen gegeneinander. Hinter dem Rücken knarzt die dunkelgrün bespannte Wand. In den Ecken liegen die Liebenden und haben einen im Tee. Über den Köpfen schweben die Teekannen.

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