Berlin : Tortenschlacht: Westin Grand Hotel

Deike Diening

Wie ein überdimensionales, umgekipptes Tortenstück ragt diese Treppe in die Lobby hinein. Die Torte herunter kommen die Hotelgäste, ausgehfein. Direkt hinein, unter die Treppe, durch eine Holzkassettenschwingtür fährt die Bedienung mit den abgegessenen Tellern, heraus fährt sie mit einer Tasse Schokolade auf dem Tablett. Die trägt sie durch ihr gepolstertes, geräuschgedämpftes Sessel-Reich: Variationen in Beige, über Geschmack lässt sich streiten. Weiß ist nur der Flügel auf der anderen Seite der Treppe.

Alle Stockwerke haben eine Galerie zu dieser Treppe hin. Durch die rosaviolette Glasblumenkuppel fällt Licht bis hinunter ins Erdgeschoss, wo die Sessel stehen mit ihren hohen Lehnen auf den dünnen Beinchen. Man selbst sitzt unbehelligt, unpersönlich, aber unbedingt bequem. Ein Tortenwagen steht am Fenster zur Friedrichstraße. Die Himbeertorte sei ihr die liebste, sagt die Frau mit dem Tortenheber im Anschlag, und da hat sie ja sowas von Recht: unglaublich intensiv schmecken die frischen Beeren obenauf. Die Schokoladentorte ist auch nicht von schlechten Eltern.

Ein frisch parfümiertes Paar schreitet die Treppe herunter. Eine Frau hilft ihrem Mann aus dem Mantel. Hinter der Drehtür wirbt ein Doppelbett für Bequemlichkeit in den Zimmern oben. Ein Mann im Trenchcoat kämmt sich im Gehen. Der Wind, der durch alle Hotellobbys weht, steift ihm den Mantel kühl und unverbindlich. Von dem Hotelbetrieb ist man in den Sesseln jedoch sehr weit entfernt. So weit stehen die Sesselgruppen auseinander, dass sich ganz ohne Trennwände private Räume ergeben. Viel Luft dazwischen. Eine Gabel Schokotorte. Zeitungsrascheln. Ungestört kann man hier etwas besprechen, die Sofas bieten Platz für mehrere, und nur die Sessel haben hier Ohren.

Zahlen muss man dann beim Personal, das sich dezent abwendet, wenn man im Portemonnaie wühlt. Vorausgesetzt, man bucht die Torte nicht gleich auf eine Zimmernummer.

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