Berlin : Tortenschlacht

Deike Diening

An manchen Orten erscheint der Fortgang der Welt im Verhältnis unwahrscheinlicher oder absurder oder einfach unwichtiger als anderswo. Das Café Krone am Mexikoplatz ist so ein Ort, in dessen Polstern die Welt zwar Platz nimmt, aber gleichzeitig vorüberzieht, ohne Spuren zu hinterlassen. So niedrig hängen die Lampen über den Tischen, dass sich die Großgewachsenen der Neuzeit dort gerne im Gespräch den Kopf dellen, und so erstklassig ist der Kuchen, dass man dafür eine ganze Menge auf sich nehmen würde. Nichts Aufgetautes hier, sondern Konditorkunst. Es handelt sich um eine wunderbare Berliner Ausnahme mit tortenbeseeltem Personal und optimistischen rosa Blümchen auf dem Geschirr.

"Zur Hochzeit", sagt das Gegenüber gerade, "bin ich nicht eingeladen". Er nimmt eine Gabel von seiner Linzer Kirschtorte. "Macht aber nichts, niemand ist eingeladen, wir gehen alle im Internet gucken". Ich nehme eine Gabel der besänftigenden Trüffelmasse des Stückes "Canache". Leichte Buttercremefüllung, Brandy. "Wie das?" "Na", sagt er, den Mund noch voller Kirsch, "es gibt da so einen praktischen Drive-Through in Las Vegas. Da sitzen sie auf der Rückbank eines Cadillac, eine Internet-Kamera überträgt live und der ganze Kram ist in zehn Minuten erledigt."

Ich nippe an der Wiener Melange, an der es nichts zu mäkeln gibt. War ja klar, dass ihm sowas Prosaisches gefällt. Im Hintergrund köcheln leise die Gespräche an den Tischen. Die Begleitmelodie zu den verschiedenen Inhalten ist immer ein Stück Kuchen: Hauskauf, Dirigentenstreit und Beziehungskisten, alles wird ausführlich besprochen. Ach, sollen die doch im Handstand heiraten. Was macht das schon, wenn man im Café Krone sitzt? Kuchen essen am Mexikoplatz dauert länger als heiraten in Las Vegas. Das sollten Sie einplanen.

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