Berlin : Tote neu erleben

Die Dreifaltigkeitsfriedhöfe in Kreuzberg sollen schöner werden. Fünf Gräber sind es bereits.

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Am Mittwoch darf auf dem Friedhof an der Bergmannstraße ein bisschen gefeiert werden. Vor kurzem noch hatte die letzte Behausung der Amalie Wolff trostlos ausgesehen. Die temperamentvolle Leipzigerin war zu Lebzeiten ein Bühnenstar gewesen. Dass sie 1812 von Weimar in die preußische Residenzstadt wechselte, mochte ihr Intendant Goethe seinerzeit kaum akzeptieren. In Berlin war es für die Darstellerin dramatischer Heldinnen dann doch nicht so leicht gewesen, Beifall abzuräumen, aber die Herzen des Publikums flogen ihr schließlich zu. Als sie 1851 starb, wurde ihr ein Postament mit edler Säule aus weißem schlesischen Marmor errichtet. Aber die buschumrahmte Anlage verwahrloste, das Säulenkapitell war abgebrochen, der Urnen-Aufsatz abhandengekommen.

Ähnlich erging es in Amalies Nachbarschaft dem Künstler Adolph Menzel. Zu Lebzeiten hatte der geborene Schlesier als Zeichner, Maler und Buchillustrator das breite wie das fachmännische Publikum durch beliebte historische Sujets beeindruckt. Sein „Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci“ ist nahezu ins kollektive Bildgedächtnis des deutschen Bürgertums eingegangen. Für seine Beerdigung auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof II, zwischen Marheinekeplatz und Südstern, ordnete Kaiser Wilhelm 1905 ein Staatsbegräbnis an, Berlin stiftete ein Ehrengrab. Trotzdem hat die von Reinhold Begas geschaffene Menzel-Porträtbüste vor seinem Wandgrab nach mehr als hundert Jahren nicht mehr gut ausgesehen. Durch die Ziegelmauer sickerte Salzwasser, das auf den Steinen weiße Spuren hinterließ.

Dass die Ruhestätten-Restaurierung für Adolph und Amalie nun vollendet wurde und mit einer würdigen Begehung und Musik feierlich präsentiert werden kann, verdanken der Maler und die Schauspielerin einer konzertierten Aktion von Bürgern, Institutionen und Behörden. Eigentlich wäre ja der Dreifaltigkeitsfriedhof II mit seinen 56 000 Quadratmetern und zahlreichen, teils künstlerisch gestalteten Prominenten-Gräbern, für amtliche und ehrenamtliche Friedhofs-Kümmerer ein Fass ohne Boden. Die allgemeine Kenntnis dieses grandiosen Geschichtsbuches hält sich allerding bislang ebenso in Grenzen wie die Information über eine andere benachbarte Friedhofsstadt in Kreuzberg, die vier Friedhöfe vor dem Halleschen Tor: zu denen mit den Ruhestätten der Jerusalemer und Neue Kirche, der Bethlehem- und der Brüder-Gemeinde auch Dreifaltigkeit I gehört. Hier sind unter anderem begraben Eduard von Simson, der dem preußischen König zweimal die Kaiserkrone antrug, der Dichter E.T.A. Hoffmann, die Salonière Rahel von Varnhagen, die Komponistin Fanny Hensel, ihr Bruder Felix Mendelssohn Bartholdy, der Maler Ludwig Passini, der Deutsche-Bank-Gründer Adelbert von Delbrück, der Sing- Akademie-Gründer Carl Friedrich Christian Fasch und der Urberliner Adolf Glaßbrenner. Dass die Gräberstadt als Kulturdenkmal in die Europäische Friedhofsroute aufgenommen wurde, durch welche 63 besondere Friedhöfe in 50 Städten und 20 Ländern miteinander verbunden werden, hat sich bislang noch nicht wirklich herumgesprochen.

Der Evangelische Friedhofsverband Berlin-Mitte fängt aber an, sich dieser Kommunikationsaufgabe zu stellen. Hier will man dem in Sparzeiten verstärkt grassierenden zivilisatorischen Verlust von Pietät, Ahnen-Respekt und Trauerkultur anhand solcher einzigartigen topografischen Dokumente entgegenwirken: Friedhöfe als interessante Adresse für Stadtbewohner und Touristen attraktiv machen. Der Verband und die Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe in Berlin und Brandenburg schafften es, unterstützt durch einen Sondertopf des Bundestags-Haushaltsausschusses, durch das Ehrengräber-Programm des Senats und die Menzel-Gesellschaft, gemeinsam 54 800 Euro zusammenzubringen, von denen nun außer den Grabstätten Menzels und Wolffs (auf Dreifaltigkeit II) auch jene des Schauspielers Theodor Döring, des Theologen August Neander und des Reichspost-Organisators Heinrich von Stephan (auf Dreifaltigkeit I) profitieren.

Am 26. Juni um 11 Uhr versammeln sich die Fans von Adolph Menzel und Amalie Wolff mit Beschützern der Berliner Friedhöfe auf Dreifaltigkeit II an der Bergmannstraße: zu Flötenklängen des 17. und des 18. Jahrhunderts. Jochen Hoffmann vom Orchester der Deutschen Oper spielt Kompositionen des Alten Fritz sowie von Marin Marais und Carl Philipp Emanuel Bach. Die Ansprache hält Klaus-Henning von Krosigk, der sich als ehemaliger stellvertretender Landeskonservator wie niemand sonst in Berlin für eine würdige Wiederherstellung kulturhistorisch herausragender Grabstätten eingesetzt hat. Wer im Labyrinth der Wege die Versammlung nicht gleich findet, sollte den Flötentönen folgen, die der Wind über die Gräber bläst: vorbei an prunkvollen Mausoleen und an den Gräbern des Theologen Friedrich Schleiermacher, des Malers Carl Blechen, des Historikers Theodor Mommsen, des Baumeisters Martin Gropius, der Schriftstellerin Charlotte von Kalb, des romantischen Dichters Ludwig Tieck und der Amalie Friedländer, einer Muse Heinrich Heines. Thomas Lackmann

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