• Tote trinken keinen Kaba - Teezeremonien-Meister und junge Künstler aus Asien im Tacheles

Berlin : Tote trinken keinen Kaba - Teezeremonien-Meister und junge Künstler aus Asien im Tacheles

Ines Altenrath

Der bunte Kuriositätenstand im Erdgeschoss des Tacheles-Treppenhauses lockt seit Tagen Touristen und Passanten an. Hinter dem selbstgezimmerten Tresen werden Plastikblumenkränze, T-Shirts mit Buddha-Aufdrucken und chinesische Glücksbringer verkauft. Das macht neugierig. Vor allem das "Geistergeld" in Form von farbigen Papierbögen, weckt das Interesse der Besucher. Drei Bögen drei Mark. Wozu das gut sein soll, ist ab Donnerstag beim "Festival der Geister" im Tacheles zu erfahren.

Dies wird - so verrät die Broschüre der Veranstalter, die auf dem Tresen ausliegt - kein Hui-Buh-Gespenstertreff in der Ruine, sondern ein großes Kunst- und Kulturfest, das den Zeitgeist der modernen asiatischen Kunstszene für sechs Wochen nach Berlin bringen soll. "Geister sind ein wichtiges Thema für Asien," erklärt die Veranstalterin Heike Gäßler, die gerade über asiatischen Tanz promoviert. Sie und ihre Kollegin Charlotte Breinersdorf, eine Sinologin, wurden vom Tacheles-Verein angesprochen und entwickelten die Idee für das Festival. Zwei Spezialistinnen garantieren also für ein anspruchsvolles Programm. Mit dem will sich das Tacheles als "Ort des Kulturaustausches" abseits von Schrott- und Trümmerkunst neu definieren. Denn nervenzerreissende Streitereien über Mietvertrag und Bleiberecht sind seit letztem Winter endlich geklärt, und die Macher können sich jetzt wieder ganz der Kultur widmen, finanziell gefördert vom Hauptstadtkulturfonds.

Bei privaten Reisen nach Hongkong, Malaysia, Thailand und in andere fernöstliche Ländern trafen die Organisatorinnen etablierte Künstler der dortigen Kunstszene, die Heike Gäßler als recht jung und klein beschreibt. Dennoch ließen sich die beiden Frauen inspirieren und konzipierten ein vielfältiges spartenübergreifendes Festival-Programm: eine Ausstellung, Theater- und Tanzaufführungen, Performances, Literatur, Filme und Vorträge.

Die Ausstellung bildet das Herzstück des Festivals und ist auf drei Etagen in den verschiedenen Galerien des Tacheles zu sehen. Die meisten Künstler produzierten für das Festival vor Ort. Die ausgestellten Werke reichen von Malerei über Fotografie und Skulpturen bis zu Installationen und zeigen, daß der buddhistisch geprägte Glaube an Geister auch in den modernen Gesellschaften Asiens noch immer präsent ist und die Kunst weiter prägt.

Im lichtdurchfluteten Blauen Salon unter dem Dach des Hauses schweben schemenhafte Gestalten auf hellen Seidentüchern in der Luft. "Lovers Library" heißt der Titel. Der Taiwanese Huang Chih Yang malte Berliner Liebespaare mit scharzer Tusche und kleinen organischen Blätterformen auf die leichten Stoffbahnen. Eine Mischung aus Mensch, Pflanze und Geist scheint dabei zu entstehen. Yang bezieht sich auf einen alten Pflanzengeisterkult seines Landes.

Ein Stockwerk tiefer, in einem etwa 25 Meter langen Flur, dehnt sich die Installation "Apart yet a part" aus. Ahmad Fuad B. Osman aus Malaysia ordnete kleine Papierschiffchen auf dem Fußboden und den Wänden an, die er vorher beschriftet hat. Thema sind Gedanken von Menschen über den Tod und das Jenseits. Kleine Kerzen brennen in den Schiffchen. Bei religiösen Ritualen werden diese in Asien über Flüsse geschickt, um die Seelen der Toten zu besänftigen.

Den weißen Raum nebenan verwandelte Pinaree Sanpitak aus Thailand in einen Ort der Meditation. Goldfarbene Glöckchen hängen von der Decke oder stehen auf dem Boden, Zeichnungen auf Papier in Schwarz, Weiß und Gold zeigen turmartige Gebilde, die Tempeldächer und Brüste symbolisieren sollen. Sanpitak nennt ihre Instalation "Merit Memory Muse" einen "eigenen weiblichen Tempel". Der Geruch der Räucherstäbchen und das eigentümliche Licht laden zum stillen Verweilen ein.

Was nun aber mit dem Geistergeld geschehen soll, das verraten die Macher der Installation "All we do we do it for you" aus Singapur: Die drei jungen Männer der Gruppe "Spirit Dusting for Dummies" haben aus Papier einen farbenfrohen Schrein gebaut, in dem winzige Fotos von verstorbenen europäischen und amerikanischen Künstlern des 20. Jahrhunderts hängen. Hier Picasso, dort Beuys. Mit Kerzen und dem Geistergeld haben die Besucher die Möglichkeit, den Geistern der toten Genies zu huldigen und sich so mit den fernöstlichen Ritualen bekannt zu machen. Lustig wird es bestimmt, wenn einer der Erbauer des kleinen Altars sich am Tag der Ausstellungseröffnung bei einer Performance um 20.30 Uhr als Medium zur Verfügung stellt, damit die Geister der Künstler durch ihn sprechen können. Was wird Andy Warhol uns wohl mitteilen? Wahrscheinlich, dass wir alle Stars sein können.

Auch in dem vorbereiteten Film- und Theaterprogramm dreht sich alles um Geister. Tote kommen zurück, um die Lebenden zu ärgern, und die versuchen mit allen Tricks, die Ahnen wieder los zu werden.

Wer sich intensiver mit asiatischer Kultur und Lebensweise auseinandersetzen will, kann dies auch bei Lesungen und Workshops tun. Lisette Gebhardt, eine Japanologin der Universität München, referiert über "Die Renaissance japanischer Geister" (15. August 20 Uhr), Yumiko Umetsu unterweist mit Hilfe eines Workshops in die "Japanische Teezeremonie" (diverse Termine ab 10. September) und Matthias Peter Wieck kann man am 20. August um 20 Uhr fragen, ob der Potsdamer Platz wirklich nach "Feng Shui"-Prinzipien bebaut wurde.Festival der Geister: 12. August bis 26. September, Ausstellung täglich geöffnet von 14 bis 23 Uhr, kostenloses Programmheft liegt aus

Oranienburger Str. 54 - 56a, Tel.: 28096835

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