Berlin : Totenglocke stürzte bei Trauerfeier ab

Unglück in der Schmargendorfer Kreuzkirche. Die Gemeinde blieb unverletzt

Die große Glocke schlug für den Trauergottesdienst, der um 11 Uhr beginnen sollte – dann stürzte sie ab. 6,7 Tonnen Gewicht krachten fünf Meter tief in ein Zwischengeschoss des Kirchturms, „wir haben gedacht ein Haus ist explodiert“, sagte Gottesdiensthelferin Margrit Shawky, „und dann war Totenstille“. Erschrocken saßen die Besucher der Trauerfeier in den Bänken, als sie erfuhren, was geschehen war. Minuten zuvor hatten sie die Schmargendorfer Kreuzkirche durch den Haupteingang im Turmbau betreten, in dem die Glocke abstürzte. Zum Glück kamen keine Menschen zu Schaden, sagte Pfarrer Wolfgang Wagner. Zunächst habe man gedacht, dass der Klöppel heruntergefallen sei. Dass eine ganze Glocke, dazu noch die schwerste im Turm, abstürzen könne, habe man nicht für möglich gehalten. Die Totenglocke wird nur zu Trauerfeiern und hohen Feiertagen geläutet.

„Ein Extremfall“, sagte Andreas Kupsch von der Firma „Schmidt Glockentechnik“. Einer der fünf Bolzen, an denen die Glocke befestigt war, sei gebrochen, „dann gab es eine Kettenreaktion, ein Bolzen nach dem anderen brach“. „Materialermüdung“, sagte Geschäftsführer Kupsch. Die nächste Wartung der vier Glocken war für Juni geplant. Ob die Glocke den Sturz überstanden hat, ist unklar.

Ein Feuerwehrmann berichtete, dass die Glocke tief in eine Zwischendecke eingeschlagen sei und dort nur ein Stahlträger, der quer durch den 50 Meter hohen Kirchturm verläuft, einen Durchbruch verhindert habe. Die Glocke sei nicht zerbrochen, habe nicht einmal einen Riss, sagte der Feuerwehrmann.

Stunden benötigte die Feuerwehr, die Glocke zu sichern, damit sie nicht noch 20 Meter weiter in die Tiefe stürzt – in den Haupteingang. Die Besucher des Trauergottesdienstes verließen die Kirche gestern sicherheitshalber durch einen Nebeneingang – nach der Trauerfeier. Denn nach dem Absturz hatte man zunächst entschieden, die Trauerfeier nicht abzusagen. „Auch für Laien war zu erkennen, dass die Kirche nicht einstürzen kann“, sagte Pfarrer Wagner.

Die Höhe des Schadens ist bisher nicht abzusehen. „Möglicherweise ist die Glocke noch intakt“, sagte Experte Kupsch. Eine Bronzeglocke wäre vermutlich zersprungen, die Trauerglocke der Kreuzkirche jedoch ist aus Eisen. Deshalb habe sie auch die Nazizeit überstanden, als alle Buntmetallglocken für die Rüstungsproduktion eingeschmolzen wurden. Allerdings haben Glocken nur eine begrenzte Bestandsdauer, sagte Kupsch. „Nach 80 bis 100 Jahren sind sie ermüdet.“

Die Kreuzkirche am Hohenzollerndamm ist 1928-29 von Ernst und Günter Paulus entworfen worden, durch den expressionistischen Baustil ist sie sehr bekannt. Die vier Glocken wurden in der Glockengießerstadt Apolda in Thüringen hergestellt, die kleinste wiegt nur eine Tonne.

Der letzte Glockenabsturz in Berlin liegt Jahrzehnte zurück. Im August 1953 fiel in der Dahlemer Jesus-Christus-Kirche eine Glocke 25 Meter tief, auch damals wurde niemand verletzt. „Gottlob sprangen der alte Küster Thymian und sein 17-jähriger Läutejunge beiseite“, schrieb der Tagesspiegel damals. Ha

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