Berlin : Totschlag am Alex: Verdächtiger stellt sich

21-Jähriger kam mit Anwalt zur Mordkommission.

von und
Foto: dapd/Oliver Lang
Foto: dapd/Oliver LangFoto: dapd

Nach der tödlichen Prügelattacke auf den 20-jährigen Jonny K. hat sich am Donnerstagmorgen ein weiterer Tatverdächtiger der Polizei gestellt: Der 21-jährige Hüseyin I. meldete sich um 11 Uhr im Beisein seines Anwalts bei der Mordkommission und wurde am Nachmittag dem Haftrichter vorgeführt.

Von den sechs Tatverdächtigen, die Jonny K. am 14. Oktober durch Tritte und Schläge getötet haben sollen, sind jetzt nur noch zwei flüchtig. Der mutmaßliche Haupttäter, Onur U., befindet sich weiter in der Türkei. Ein Rechtshilfeersuchen an die türkischen Behörden ist bereits vor Wochen gestellt worden. Die Staatsanwaltschaft verschweigt dazu jegliche Auskunft. Ein weiterer Tatverdächtiger, Bilal K., hat die griechische Staatsangehörigkeit und soll sich nach Griechenland abgesetzt haben. Dort soll sich zuletzt auch Hüseyin I. aufgehalten haben, bevor er sich den Behörden stellte. Er soll ebenfalls griechischer Staatsbürger sein und vor der Flucht bei seinen Eltern in einem Mehrfamilienhaus in Wedding unweit der Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße gelebt haben.

In der gepflegten Mehrfamilienhaussiedlung möchte keiner über die schreckliche Tat sprechen. Dass der Beschuldigte aus ihren Reihen kommen soll, will niemand so recht glauben. „Es ist eine sehr ruhige und friedliche Gegend. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass der Tatverdächtige einer von uns ist“, sagte ein Anwohner, der in einer Jugendberatungsstelle arbeitet. Die Jugendlichen, die hier in seine Beratung kämen, machten alle einen gefestigten Eindruck.

Zwei Beschuldigte (19 und 21 Jahre) sitzen bereits in Untersuchungshaft. Ihnen wird Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen. Einer der Inhaftierten, der 19-jährige Osman A., hatte erfolglos Beschwerde gegen den Haftbefehl und die Fortdauer der Haft eingelegt. Das Landgericht Berlin lehnte am Donnerstag die Haftbeschwerde ab. Ein Dritter, der sich in Berlin gestellt hatte, ist auf freiem Fuß. Die Ermittlungen gegen ihn dauern an.

Jonny K. hatte in der Nacht zum 14. Oktober mit Freunden in einem Club unter dem Fernsehturm gefeiert. Vor der Bar „Cancun“ am Alexanderplatz wurden sie von sechs Männern unvermittelt angegriffen. Jonny K. erlitt so schwere Gehirnblutungen, dass er wenig später starb.

Die Schwester des Opfers, Tina K., wurde am Donnerstagabend in Düsseldorf mit dem Medienpreis Bambi für ihr Engagement gegen Jugendgewalt nach dem Tod ihres Bruders geehrt. Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) würdigte die 28-Jährige für ihren Einsatz: „Ich bin beeindruckt, wie versöhnlich und gleichzeitig entschieden sie gegen Jugendgewalt auftritt. Tina K. tut unserer Gesellschaft gut.“

In der Marienkirche am Alexanderplatz wurde am Mittwochabend mit einem Gottesdienst Jonny K.s gedacht. Dort sprach Hartmut Klöß, Seelsorger in der Jugendstrafanstalt Plötzensee, in der einer der Tatverdächtigen einsitzt. Er sagte, der Verdächtige habe ihm die Tat bei einem Hofgang aus seiner Sicht geschildert, auf Details ging Kloß nicht ein. „Es ist ein Vorteil meiner Arbeit, dass mir Menschen Dinge erzählen, die sie niemals einem Anwalt oder Psychologen erzählen würden“, sagte er dem Tagesspiegel. In Justizkreisen stieß die Rede auf Kritik. „Es gehört sich nicht, dass ein Seelsorger den Namen der Anstalt nennt und öffentlich ausplaudert, dass es ein intimes Gespräch mit dem Tatverdächtigen gab.“ Rechtlich gebe es keine Bedenken, er habe ja keine Gesprächsinhalte verraten, sagte Staatsanwaltschaftssprecher Martin Steltner.

Kerstin Hense/Marc Röhling

Autoren

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben