Totschlag : Tödliche Stiche nach Rempelei

Der 22-jährige Angeklagte fühlte sich angerempelt und provoziert. Also zückte er ein Messer und stach zu - sein Opfer, ein werdender Vater, ist tot.

Kerstin Gehrke

BerlinSeine Opfer kannte er nicht. Sie hatten ihm offensichtlich auch nichts getan. Es genügte ein Wortwechsel, ein Blick, eine Rempelei. „Sie müssen verstehen“, begann Hendrik S. gestern seine Aussage vor Gericht. Der 22-Jährige hat einen gleichaltrigen Mann in Spandau auf offener Straße durch Messerstiche getötet. Nur eine Woche zuvor hatte er auf einen 25-Jährigen eingestochen und den Mann lebensgefährlich verletzt.

„Ich hätte nie gedacht, dass jemand stirbt“, beteuerte der kräftig gebaute Angeklagte. „Er hat mich wütend angeguckt und beschimpft“, sagte er über die zufällige Begegnung mit Rafael P., der kurz darauf starb. Hendrik S. meinte, er habe einen Angriff mit einer Waffe befürchtet. „In so einem Moment ist nicht viel mit Nachdenken. Der sollte eben verschwinden, da habe ich einfach gestochen.“

Rafael P. war am Abend des 20. Dezember auf dem Weg zu einem Cousin. Er wollte ihm glücklich von der Schwangerschaft seiner Verlobten Janine berichten. Auf der Beyerstraße aber lief auch Hendrik S. – wieder angetrunken, wie immer bewaffnet. „Ich habe ihm noch Platz gemacht“, behauptete der Angeklagte. Aber der Mann habe ihn angerempelt.

„Rafael war gerade ein paar Minuten weg, als es an der Tür wummerte“, sagte die 19-jährige Janine. Er hatte sich schwer verletzt noch zu ihr geschleppt. Er blutete, sie sollte die Feuerwehr rufen. Quälende Minuten vergingen, ehe Hilfe kam, erinnerte sich die junge Frau. Zwei Mal hatte Hendrik S. zugestochen. Beide Stiche gingen in die linke obere Brust. Der Schwerverletzte kam ins Krankenhaus, konnte aber nicht gerettet werden.

„Im Nachhinein – ich konnte es doch nicht wissen“, meinte der Angeklagte. Er habe sein Opfer keinesfalls töten wollen. „Der Typ wollte mich angreifen, da kriegt man Angst“, erklärte er. Die Mutter des Getöteten, die gemeinsam mit ihrem Mann als Nebenkläger am Prozess teilnimmt, konnte es nicht mehr ertragen. „Sie sind ein Riesenstier – mein Sohn war schlank“, rief sie. Als Hendrik S. erneut meinte, alles sei „wie von selbst passiert“, verließ die weinende Mutter den Gerichtssaal. „Ihr ist schlecht“, sagte ihr Anwalt.

Der Hartz-IV-Empfänger Hendrik S. lebte in den Tag hinein, stand in der Regel erst am späten Nachmittag auf, rauchte Haschisch, trank Wodka und Bier. Bis zum letzten Dezember fiel er nicht als Gewalttäter auf. Sein Vorstrafenregister ist leer. Ein Messer aber trug er in den vergangenen Jahren immer bei sich. Er sei schon mehrfach angegriffen worden, sagte S. „Sie müssen verstehen“, meinte er wieder. Nein, „man kann da nichts verstehen“, sagte vor dem Saal Janine, die ihr Baby auf dem Arm trug. Sie hat den Jungen, auf den sich der Getötete so gefreut hatte, Rafael genannt. Der Prozess wegen Totschlags wird Mittwoch fortgesetzt.

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