Totschlags-Prozess : ''Sie sah keinen anderen Ausweg mehr''

Marco konnte nicht laufen, die Hände nicht einsetzen, nicht sprechen. 26 Jahre lang hat ihn seine Mutter gepflegt - und dann getötet. Das Gericht sprach die 61-Jährige frei.

Kerstin Gehrke

Ein hörbares Aufatmen ging durch die Zuhörerreihen. Freispruch vom Vorwurf des Totschlags. Eveline G., die Angeklagte, aber reagierte nicht auf das Urteil und nicht auf die Erleichterung ihrer Freunde. Marco, ihr Sohn, ist tot. Sie hatte ihm Tabletten gegeben und die Pulsadern aufgeschnitten, als sie selbst nicht mehr leben wollte. Die Mutter schluckte auch eine Überdosis, wurde aber gerettet. „Ein Leben ohne Marco ist für mich die größte Strafe“, schluchzte die 61-jährige Frau gestern kurz vor dem Urteil.

„Es war ein Geschehen aufzuarbeiten, das man nur als tragisch bezeichnen kann“, sagte die Vorsitzende Richterin. 26 Jahre lang habe Eveline G. all ihre Energie dazu verwandt, Marco bestmöglich zu pflegen. Sie konnte nicht auf Unterstützung der Familie zählen, sie musste beim Sozialamt um angemessene Hilfe kämpfen. Eveline G. wirkte stark und mutig. „Doch sie litt und leidet seit vielen Jahren an einer psychischen Erkrankung“, hieß es im Urteil. Das Gericht kam zu dem Schluss, dass Eveline G. aufgrund schwerer Depressionen schuldunfähig war.

Marco konnte nicht laufen, die Hände nicht einsetzen, nicht sprechen. Dem jungen Mann gelang es nur, einige Zeichen zu geben. Drehte er die Augen nach oben, bedeutete das „Ja“, der Kopf zur Seite stand für „Nein“. Im Leben von Eveline G. drehte sich alles um Marco. „Sie versuchte, ihre eigenen Beschwerden nicht nach außen dringen zu lassen“, sagte die Richterin. 1984 wollte sich Eveline G. schon einmal umbringen. Man ging damals von einer Verzweiflungstat in einer Beziehungskrise aus. Die Depressionen aber wurden nicht erkannt.

Die Sorgen und Ängste um Marco nahmen zu. Mit dem Sozialamt kam es zu einem Streit um die Einzelfallhilfe. Jahrelang konnte sie sich auf zwölf Stunden die Woche verlassen. Dann aber wurden plötzlich nur noch acht Stunden wöchentlich genehmigt. Eveline G. kämpfte und konnte sich durchsetzen. Sie merkte aber, dass es immer schwieriger werden würde. „Man legte mir schließlich nahe, Marco in ein Heim zu gegen“, sagte sie den Richtern. Sie wollte ihn auf keinen Fall weggeben. Obwohl sie längst überfordert und am Ende ihrer Kraft war, konnte sie nicht loslassen. „Ihn in dritte Hände zu geben, konnte sie nicht als Hilfe ansehen“, hieß es im Urteil.

Am 26. Oktober 2007 kam vieles zusammen. Sie hatte ihre verordneten Medikamente nicht genommen, es hatte Streit mit ihrem Freund gegeben. Überfordert, traurig, am Ende ihrer Kraft. „Sie sah keinen anderen Ausweg mehr“, sagte die Richterin. Die Mutter legte ihren Sohn aufs Bett, kuschelte mit ihm und dachte immer wieder: „Wenn wir beide weg sind, ist endlich Ruhe.“ Sie würden keine Last mehr sein und keine Kosten verursachen. Sie erzählte Marco vom Tod. „Wenn man stirbt, geht der Körper in die Erde, und die Seele muss nicht mehr leiden.“

Eveline G. ging in die Küche der Schöneberger Wohnung und nahm alle Tabletten, die sie finden konnte. Sie ritzte Marco und sich selbst die Handgelenke auf. Als Nachbarn die Tragödie entdeckten, wirkte die Mutter völlig verwirrt. Marco habe es so gewollt, sagte sie. „Er fehlt mir so“, flüsterte Eveline G. gestern in ihrem Schlusswort. Kerstin Gehrke

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