Berlin : Tour de France: Gelb macht glücklich - wenn auch nur für einen Tag

C. v. L.

Rund 24 Stunden konnte sich Jens Voigt über das Gelbe Trikot bei der Tour de France freuen. Er wollte es gestern verteidigen, es klappte nicht. Aber den großen Moment, das berühmte Trikot einmal errungen zu haben, wird auch seine Familie in Berlin nicht so schnell vergessen.

"Ich konnte nicht hingucken, bin in die Küche gerannt, dann wieder zurück. Dabei habe ich immer Angst gehabt, dass er doch noch stürzt." Es waren aufregende Minuten, die Stephanie Jaroszewicz am Sonnabend vorm Fernseher durchlebte. Aber es ging für ihren Mann alles sehr gut aus. Jens Voigt gewann bei der Tour de France das Gelbe Trikot für das Team Credit Agricole. In der Steglitzer Dreizimmerwohnung klingelten bereits die ersten Gratulanten, die Söhne Julian und Marc, zwei und fünf Jahre alt, starrten wie gebannt auf das Fernsehbild mit dem vertrauten Gesicht. Es lachte, und sie lachten mit. Die Mutter rannte wieder in die Küche, diesmal erleichtert und sehr stolz. Sie kam mit einem Glas Prosecco zurück und stieß mit sich an: Auf ihren Jens und seine Tour! Wenig später rief Jens auch schon selbst an. Und er teilte mit, was sich nach dem Glücksmoment auch noch ereignet hatte, was er mit ansehen musste, während der noch bei der Doping-Kontrolle war: Die Amokfahrt eines Autofahrers in die Menschenmenge am Ziel. Das drückte die Stimmung. Am Sonntag, als die Etappe zwischen Colmar und Pontarlier zu bewältigen war, schaltete sie mittags wieder den Fernseher an. Kann Jens das Gelbe Trikot verteidigen, den Vorsprung von zweieinhalb Minuten halten? "Er ist eher pessimistisch, nicht übermütig", sagte sie. Aber sie war optimistisch, sie wusste, dass keine größeren Höhen zu bewältigen waren, "denn er ist kein Bergfloh, eher ein Roller und Zeitfahrer". Vor ihr lag der detaillierte Streckenplan einer Radfahr-Zeitschrift, die 222 Kilometer zeichnete sie mit einem Textmarker nach. Aber es wäre schon großes Glück gewesen, das Trikot zu verteidigen. Julian schaute gelangweilt zu, rannte immer wieder auf den Balkon. Das Luftschiff, das er über Lichterfelde beobachtete, schien ihm interessanter zu sein.

"Zum Heiraten sind wir noch gar nicht gekommen, Jens hat ja keine Zeit", sagte Stephanie und lachte. Julian wurde vor zwei Jahren während der Tour de France geboren, zwei Tage vor ihrem Abschluss. So ist es oft. Bei Geburtstagen und anderen familiären Anlässen sitzt Jens meist irgendwo auf dem Rad. Stephanie und die Kinder bleiben zu Hause, denn "er wird unruhig, wenn wir dabei sind". Aber zum Finale in Paris ist sie immer dabei. Und Verständnis für das Leben eines Radrennfahrers hat sie als Tochter des früheren Berliner Sechs-Tage-Fahrers Hans Jaroszewicz aus der legendären Otto-Ziege-Ära schnell lernen müssen. Standesgemäß kennengelernt haben sich Stephanie und Jens bei der Niedersachsen-Rundfahrt vor sieben Jahren, als an ein Gelbes Trikot noch nicht zu denken war.

Obwohl Jens Voigt inzwischen so viele Rennen gefahren und Siege errungen hat, seine Partnerin wird die Sorge nicht los. Es ist die Angst vor Stürzen, davor, dass ein verwirrter Mensch irgendwo während des Rennens auf die Straße rennt - oder, wie jetzt passiert, anderes Unheil anrichtet. Vor drei Jahren stürzte Jens bei einer Abfahrt schwer, brach sich Rippen und zog sich Schürfwunden zu, die bis heute Spuren hinterlassen haben. Das wird sie nicht los, bei aller Freude über sportliche Erfolge.

In Berlin will die Familie, die in Toulouse ein Haus besitzt, bald wieder heimischer werden. Voriges Jahr lebten sie fast nur in Frankreich. Aber sie spürten Heimweh. Und Marc muss bald zur Schule.

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