Tour de Genuss in der Marheineke Markthalle : In einer Stunde um die Welt

In der Marheineke Markthalle gibt es jetzt einen Rundgang für Genießer. Nicht nur kulinarisch lässt sich dabei einiges entdecken.

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So schmeckt Kreuzberg.
So schmeckt Kreuzberg.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Er könnte einem Werbefilm entsprungen sein, wie er so gepflegt im roten Oberteil seine Waren auf dem Tablett präsentiert. Darauf reiht sich eine Baguette-Scheibe an die andere, mit Aufstrichen in Grün, Gelb, Rot, Orange. Was schon fürs Auge ein Genuss ist, darf gleich auch gekostet werden. Doch vorher erfahren die Kunden von Ibrahim Ceylan: Alle seine Waren sind handgemacht. „Von Hand geschnitten und in der Pfanne gebraten“, sagt er. „Wir haben hier Salate, wie sie meine Oma vor 70 Jahren hergestellt hat.“

Das hat etwas von der ersonnenen Romantik mancher Werbefilmchen. Doch der 60-jährige Ceylan ist ganz echt. Er ist einer von 55 Händlern in der Marheineke Markthalle im Kreuzberger Bergmannkiez. Sie bieten Spezialitäten aus der Region wie aus dem arabischen Raum, der Türkei, Italien, Griechenland, Spanien, Frankreich. Weine, Säfte, Eis, Wurst und Käse, frisches Obst und Gemüse, getrocknete Früchte. In der Halle versammeln sich etliche Traditionen genauso wie persönliche Geschichten.

Immer sonnabends einstündige Führung

Die Kunden hören zu und greifen zu den Broten. Sie sind Teilnehmer einer neuen Tour durch die Markthalle – sie ermöglicht einen Blick hinter die Theken. „Tour de Genuss“ nennen sie die Macher der Berliner Agentur Inpolis. „Das ist eine Tour für die Sinne“, sagt Geschäftsführerin Kirsten Jurchen und fischt ebenfalls ein Brot vom Tablett.

Immer sonnabends findet die einstündige Führung statt, an der wechselnd mehrere Händler teilnehmen, wie Ibrahim Ceylan. Sein Salat-Imperium, mit dem er heute auf 20 Märkten vertreten ist und unter anderem 70 Filialen der Supermarktkette Kaiser’s beliefert, begann vor 25 Jahren mit einem Eiersalat.

Rezepte aus der Heimat

Den hatte er Mitarbeitern seines Lebensmittelgeschäfts in Friedrichshain mitgebracht, nach einem Rezept aus der Heimat. Das Wetter war schön, sie setzten sich nach draußen. „Ein Kunde ging vorbei und sagte: Das riecht aber gut“, erzählt Ceylan. „Da habe ich ihm etwas Eiersalat in ein Fladenbrot reingemacht.“ Fünf Minuten später sei der Kunde zurückgekommen und habe gefragt: „Kann ich den kaufen?“

In der Markthalle gibt es einen Rundgang für Genießer.
In der Markthalle gibt es einen Rundgang für Genießer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Heute hat „Ceylans Feinkost“ sieben Mitarbeiter, die Salat-Küche 850 Quadratmeter. Dem Prinzip des Selbermachens ist Ceylan treu geblieben und er ist sichtlich stolz darauf. Eine Teilnehmerin der Tour lässt sich gleich zwei Schalen einpacken: Bärlauch-Creme und Honig- Senf-Mango-Aufstrich.

Die Hintergründe zur Geschichte der Markthalle liefert heute Thorsten Freers, Projektleiter der „Tour de Genuss“. Eröffnet hat sie 1892 als Markthalle Nummer elf, mit Platz für 290 Stände. Nach dem Ersten Weltkrieg diente sie als Suppenküche. 15 000 Berliner bekamen hier täglich ein Mittagessen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Halle weitgehend zerstört, doch schon bald richteten sich die ersten Händler wieder ein. „Die haben aus den Kellerfenstern heraus ihre Waren verkauft“, sagt Freers.

Foie Gras und frische Säfte

Auch heute, nach der Sanierung des Bergmannkiezes und der Modernisierung der Halle vor acht Jahren, sei sie immer noch ein Spiegelbild des Kiezes. „Heute ist sie viel internationaler und es gibt Händler auch in den Bereichen Mode und Kunst“, sagt Freers. „Sie zeigt die Zusammensetzung im Kiez: Alteingesessene, Zugezogene, Innovative und Kreative.“

Éric Marette kommt das entgegen. „Dieser Kiez ist sehr bourgeois geworden und das hilft“, sagt der Mann im Ringelhemd mit französischem Akzent und lacht. Seinen Stand für französische Delikatessen hat der 37-Jährige vor zwei Jahren mit Frédéric Gachelin-Verneuil eröffnet. Bei „Les Épicuriens“ schließt die Tour ab, nach einem Zwischenstopp im „Saftladen“, wo die Teilnehmer der Tour frisch gepresste Säfte aus Krügen probiert haben.

WZum Beispiel handgemachte Pasten.
WZum Beispiel handgemachte Pasten.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Bei Marette gibt es frische Austern im Angebot, Wein, Wurst und Käse, Marmelade, Tee, Gebäck. Marettes Partner ist nicht da. Er bereitet die Foie Gras vor, die umstrittene Gänsestopfleber. „Das darf man in Deutschland nicht so laut sagen“, sagt Marette. „Aber es war so ein Erfolg Weihnachten, dass wir sie jetzt einmal im Monat auf Bestellung machen.“ Während er Schweinepastete mit Kastanien auf einer Steinplatte serviert, entspinnt sich ein Gespräch über die Zubereitung von Foie Gras.

Viele Geschichten gibt es zu entdecken

Ibrahim Ceylan steht unterdessen ein paar Schritte weiter am Tresen eines neuen Kollegen. Mustafa Ülker hat hier vor einem halben Jahr eine Reinigung aufgemacht. „Wir philosophieren über das Leben“, sagt Ülker. Ceylan hat zum Feierabend ein paar seiner Salate auf einem Pappteller mitgebracht, mit Fladenbrot. Ülker spendiert eine Flasche Weißwein.

„Seit 575 Jahren vererbt der Vater dieses Weingut immer an den Sohn weiter“, sagt er und betrachtet die Flasche. Das ist nur eine von den vielen, vielen Geschichten, die es in der Markthalle aufzudecken gibt.

Die Tour de Genuss können Gruppen ab zehn Leuten individuell buchen, ab Oktober gibt es die Tour wieder jeden Sonnabend von 10 bis 11 Uhr in der Marheineke Markthalle, Marheinekeplatz 15, Kreuzberg. Kosten: 15 Euro pro Person. Anmeldung über Telefon: 40 50 59 16 und www.intours-berlin.de/marheineke

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