Berlin : Tour ins Blaue

Bei 26 Grad war Berlin gestern aus dem Häuschen: Anbaden im Strandbad, Grillen im Park oder Entspannen in der Strandbar

Christoph Stollowsky

Ein solches Gedränge beim Anbaden hat Gerhard Kraatz, der Chef im Kreuzberger Prinzenbad, noch selten erlebt. Um sieben Uhr früh öffneten gestern die Kassen in diesem Jahr zum ersten Mal, und schon ein paar Minuten später sah man hier Bilder wie an einem Hochsommertag. Mit Picknicktaschen und Luftmatratzen wateten die ersten Gäste hintereinander durch die Duschbecken zur Liegewiese und stürzten sich ins 23 Grad warme Wasser. Mittags tummelten sich schon 700 kleine und große Besucher in den Becken unter einem azurblauen Himmel. Berlin im Sonnenrausch: Velotaxen ausgebucht, Strandbars und Ausflugsdampfer rappelvoll, Geplansche im Neptunbrunnen am Roten Rathaus und Grillschwaden vermixt mit Knoblauchduft und türkischen Wortfetzen im nördlichen Tiergarten, als wäre halb Istanbul zur Gartenparty geladen.

Berlin war bei 26 Grad buchstäblich aus dem Häuschen – und die Bäderbetriebe hätten sich keinen besseren Start in ihre Saison 2007 wünschen können. Auch im frisch sanierten Strandbad Wannsee sah es ein bisschen aus wie am Timmendorfer Strand. Rund 5000 Gäste kamen bis zum Abend und überrumpelten den altgedienten Badchef Axel Ott. „So etwas“, sagte er, „habe ich in 36 Jahren noch nicht erlebt.“ Schrecklich war dagegen das Anbaden 2006. „Es schneite und war eiskalt“, erinnerten sich gestern die Schwimmer am Wannsee.

Doch das klingt am 28. April 2007 wie eine Erinnerung aus der Packeis-Region. Heute sind die meisten Berliner und Touristen in der Stadt mit Sonnenbrille und Hüten, T-Shirts, flatternden Sommerkleidern und Rädern unterwegs. Und sie treffen sich beispielsweise am Treptower Hafen an der Spree beim Hafenfest. Karussells, Losbuden, gestresste Eisverkäufer, über allem die Sirenen der ablegenden Passagierdampfer – und zwischendrin ein beglückter Geschäftsführer der „Stern und Kreisschifffahrt“. „Unsere Dampfer sind zu 90 Prozent ausgebucht“, freut sich Jürgen Loch. „Die Leute stehen bei uns Schlange“ – zumal die Stadt wegen des verlängerten Wochenendes voller Touristen sei.

Darüber freut sich auch das Team des „A&O Hostels“ für junge Leute an der Köpenicker Straße in Kreuzberg. Die ungewöhnlich frühen Sonnenwonnen haben internationale Gäste in Scharen nach Berlin gelockt. Das Hostel mit 900 Betten ist komplett belegt. Alle Fahrräder sind verliehen. Es herrscht ein Trubel wie in den Sommerferien. Und als besonderer Tipp werden hier die Strandbars empfohlen. Zum Beispiel die Bar in Mitte am Ufer des Monbijou-Parks. Nur noch wenige Strandkörbe sind auf der Sanddüne gegenüber dem Bodemuseum frei. Verträumt buddeln die Menschen die bloßen Füße in den warmen Sand, Hektik passé, Wind wiegt die Palmblätter, Schiffe tuckern vorbei.

Sommerfreuden auch auf der Wiese im Lustgarten am Berliner Dom. Kinder toben durch den Brunnen, Pärchen schmusen unter Sonnenschirmen, sogar ein kleines Zelt hat eine Familie vor den Stufen zum Alten Museum aufgebaut – damit die Getränke im Schatten liegen.

Auch im Tiergarten hat die Jagd auf Schattenplätzchen begonnen. Und die Berliner Türken haben den Park zwischen der Straße des 17. Juni und dem Schloss Bellevue schon seit dem frühen Vormittag mit ihren Grills besetzt. Punkt 12.10 Uhr fährt Familie Rrtürk aus Reinickendorf mit einem Kombi vor. Keine Maus passt mehr hinein. Campingmobiliar, Weinflaschen, Kühltaschen, Thermoskannen, drei Jungs wie die Orgelpfeifen – alles muss raus, alle müssen anpacken. Damit die Hähnchen knusprig sind, bis am Nachmittag die Großeltern kommen.

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