• Tour-Premiere im Admiralspalast: Rainald Grebe: Es regnet Holzspielzeug in Prenzlauer Berg

Tour-Premiere im Admiralspalast : Rainald Grebe: Es regnet Holzspielzeug in Prenzlauer Berg

Charmant und böse überzeugt Rainald Grebe zur Tour-Premiere im Admiralspalast - mit einem Prenzlauer-Berg-Song und der neuen Hymne auf Sachsen-Anhalt als Fortsetzung seiner Brandenburg- und Thüringen-Hits.

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Der Federschmuck ist seine Narrenkappe. Rainald Grebe.
Der Federschmuck ist seine Narrenkappe. Rainald Grebe.Foto: dpa

Dadaismus ist die Kunst, aus Zitaten eine neue, ganz eigene Welt zu erschaffen. Als Rainald Grebe die Bühne des Admiralspalasts betritt, fallen ihm erst einmal die mitgebrachten Zettel aus der Hand. „Oh, der Ablaufplan“, seufzt er, setzt sich an den Flügel und beginnt draufloszuimprovisieren. Er verhackstückt Gassenhauer („Ich bin vom selben Stern / Ich hab mein Konto gern“), erfindet Aphorismen („Frauen sind so nah am Wasser gebaut wie Ruderclubs“) und singt Knittelverse („Ich denke Menschen ohne Abitur / Neigen zur Intimrasur“). Ein grandioser Auftakt, auch wenn die scheinbare Spontanität wahrscheinlich hart erarbeitet worden ist.

Rainald Grebe ist ein Meister des heiligen Unernstes, seine Narrenkappe ist der Federschmuck eines Indianerhäuptlings. Nachdem er jahrelang solo oder mit zwei Begleitmusikern herumgetingelt ist, kann er nun expandieren. Sein „Orchester der Versöhnung“, das in Berlin seine Premiere feiert, besteht aus einer fünfköpfigen Band und einer exzellenten vierköpfigen Streichergruppe. Das Bühnenbild erinnert an einen Marthaler-Theaterabend. Couchlampen verbreiten schummriges Licht, auf einem Teewagen stehen Biergläser und ein Six-Pack bereit. Ein Streicher sitzt schon vor Beginn des Konzerts auf seinem Stuhl, in seinen Ohren steckt Klopapier. Die Streicher sind grauhaarige Herren, zu den running gags des Abends gehört es, dass sie sich immer wieder Sticheleien über ihr Alter anhören müssen. „Lebt ihr noch zuhause?“, fragt Grebe. „Oder seid ihr schon im Heim?“

Grebe singt vom Angeln, vom Aufeinandertreffen der Kulturen bei einem Afrika-Urlaub und den verblassenden Erinnerungen ans vorige Jahrhundert. „Weltempfänger, Sprachlabor, Münzfernsprecher / Das ist alles 20. Jahrhundert / Ich hab das alles erlebt“, skandiert er, dann geht das Stück im Getöse einer O-Ton-Collage unter. Die Begleiter spielen Banjo und Balaleika, die Musik wechselt vom Blues zum Schlager zum Jazz. Eine Hymne auf das Land Sachsen-Anhalt ist die Fortsetzung der Brandenburg- und Thüringen-Hits. Wieder geht es um ländliche Tristesse: „Ibiza und Malle kennen alle / Aber wer kennt das Land zwischen Magdeburg und Halle?“ Ein Song über den Prenzlauer Berg endet mit einem kämpferischen Ausruf: „Ho-Ho-Holzspielzeug!“ Grebe ist unwiderstehlich, weil er gleichzeitig charmant und böse sein kann.

Admiralspalast, bis 7. 11., täglich 20 Uhr.

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