Tourismus in Berlin : Grüne wollen Hotelbauten stoppen

Immer mehr Bettenburgen in Szenekiezen: Tourismusverbände sind für einen Entwicklungsplan, der ein schlüssiges Gesamtkonzept für den Bau von Hotels liefern soll. Die Grünen wollen hingegen schärfere Maßnahmen.

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Eines von vielen Neuen. Das Hotel Vier Jahreszeiten in der Skalitzer Straße im Kreuzberger SO 36.
Eines von vielen Neuen. Das Hotel Vier Jahreszeiten in der Skalitzer Straße im Kreuzberger SO 36.Foto: Mike Wolff

Die Hotelkette Vier Jahreszeiten hat in Berlin ein zweites Viersternehaus eröffnet – mitten im brodelnden Kreuzberger Szenekiez SO 36. „48 geräumige Superior-Zimmer“ und eine „Deluxe-Suite“ warten seit Mitte Oktober auf Gäste. Der Tourismusboom in Berlin hat auch das widerständlerische Kreuzberg erfasst. Die Grünen haben im Umfeld der Oranienstraße neben dem Vier Jahreszeiten drei weitere Hotelprojekte identifiziert. Auf dem Gelände eines ehemaligen Autohauses an der Mariannenstraße sei sogar ein Neubau mit mehreren hundert Betten geplant, sagt Julian Schwarze, Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses der BVV. Der authentische Charakter der Oranienstraße sei durch die zusätzlichen Touristenströme und die Aufwertung der Quartiere in Gefahr. Deshalb fordern die Grünen nun, die „Hotel- und Hostelflut“ zu stoppen, nicht nur in Kreuzberg.

Hotels und Hostels in Wohngebieten sollen eingedämmt werden

Der aus dem Amt geschiedene Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) kündigte schon vor drei Jahren an, in Wohngebieten keine größeren Hostels mehr zu genehmigen. Marodierende Partytouristen und nächtliches Rollkoffergeklacker seien den Leuten nicht mehr zuzumuten.

Inzwischen nehmen nach Ansicht der Grünen auch normale Hotels überhand. Große Ketten würden mit Dumpingpreisen kleinen Traditionsbetrieben das Wasser abgraben und den Kiez-Charakter verändern. Der Senat müsse nach dem Vorbild des Einzelhandels einen stadtweit gültigen Hotelentwicklungsplan erarbeiten, um den „Betten-Wildwuchs“ einzudämmen und Wohnquartiere vor Massenherbergen zu schützen.

Gesetzentwurf zum Ferienwohnungen-Verbot im Frühjahr verabschiedet

Der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) begrüßt die Initiative. „Das größte Pfund von Berlin ist seine Authentizität“, sagt Dehoga-Hauptgeschäftsführer Thomas Lengfelder. „Ein gesamtstädtisches Konzept für die Lenkung der Tourismusströme ist wünschenswert.“ Im Fokus der Dehoga stehen aber vor allem die rund 12 000 Ferienwohnungen in der Innenstadt. Ein Gesetzentwurf zum Verbot von Ferienwohnungen wurde im Frühjahr vom Senat verabschiedet, das Abgeordnetenhaus muss aber noch zustimmen. Außerdem wird es bei der Personalknappheit der Bezirke schwierig, das Verbot auch durchzusetzen.

Auch die Vermarktungsorganisation Visit Berlin, zuständig für die Tourismusförderung, würde ein Gesamtkonzept begrüßen, weil die Akzeptanz der Berliner und das Flair der Stadt sonst Schaden nehmen könnte, sagt eine Sprecherin. Verbote allerdings seien falsch. Die Befürworter einer Steuerung eint die Befürchtung, dass Berlin durch die Kollateralschäden des Massentourismus langfristig seine Anziehungskraft verlieren könnte. Am Ende dieses Jahres werden mehr als 26 Millionen Touristen die Stadt besucht haben. Die 30-Millionen-Marke ist bereits in Sicht.

Senat will weitere Hotels in Berlin

Beim Senat ist eine Steuerung der „Tourismusströme“ aber derzeit kein Thema. Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) lässt ausrichten, dass „die Eröffnung neuer Hotels in Berlin grundsätzlich zu begrüßen ist. Investitionen für unsere Stadt sind gut. Sie schaffen Arbeitsplätze und Einkommen.“ Auch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ist skeptisch. Ein „Leitbild“ für das Beherbergungsgewerbe würde die gültige Baunutzungsverordnung nicht außer Kraft setzen, sagt Sprecherin Daniela Augenstein. Nach dieser Verordnung sind Hotels in Kern- und Mischgebieten grundsätzlich zu genehmigen, in reinen Wohngebieten nur ausnahmsweise.

Aktuell gibt es in Berlin 793 Hotels mit knapp 132 000 Betten. Weitere 40 neue Hotels mit rund 21 100 Betten sollen in den nächsten Monaten hinzukommen. Friedrichshain-Kreuzberg liegt beim Bettenangebot hinter Mitte und Charlottenburg-Wilmersdorf auf dem dritten Platz.

Die Bettenauslastung liegt aktuell bei 70 Prozent, ein sehr guter Wert. Deshalb ist Berlin für die Branche immer noch ein interessanter Standort. Von einem Hotelbauboom könne aber keine Rede mehr sein, sagt Marc Schulte (SPD), Baustadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Investoren hätten sich längst dem lukrativeren Wohnungsbau zugewandt. „Der Markt ist ein gutes Regulativ.“

Beschwerden über Ballermann-Touristen gebe es bei ihm nicht, sagt der Stadtrat. Schulte teilt zudem die rechtlichen Bedenken der Stadtentwicklungsverwaltung.

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