Tourismus in Brandenburg : Das Bombodrom bleibt vorerst Sperrgebiet

Das ehemalige Militärgelände st noch immer mit Munition verseucht. Touristen müssen noch einige Jahre draußen bleiben.

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Das war der Feldherrenhügel. Mitten im Bombodrom stehen die Reste eines Ausgucks, von dem aus die Generäle und oft auch Staats- und Parteichefs aus dem Ostblock die großen Manöver beobachteten.
Das war der Feldherrenhügel. Mitten im Bombodrom stehen die Reste eines Ausgucks, von dem aus die Generäle und oft auch Staats-...Foto: picture alliance / ZB

Aus dem Sandhügel ragt ein harmlos wirkender Zylinder. Etwa 20 Zentimeter sind sichtbar, der Durchmesser dürfte bei zehn Zentimetern liegen – Genaueres ist aus zehn Metern Entfernung nicht zu erkennen. „In anderen Bundesländern würde jetzt das SEK anrücken, bei uns kommt nicht mal die normale Polizei.“ Rainer Entrup, im grünen Hemd mit dem Emblem des Bundesadlers und der Aufschrift „Forst“ auf dem Ärmel, gibt sich inmitten des früheren „Bombodroms“ bei Neuruppin gelassen. „Wir merken uns die Stelle und sagen unserem Feuerwerker Bescheid. Hier ist ja keine Gefahr in Verzug.“ Erst nach einer kurzen Pause sagt er die entscheidenden Sätze: „Hier steckt eine Granate im Sand. Sie dürfte aus 15 Kilometern Entfernung abgefeuert worden sein. Aus irgendeinem Grund ist sie nicht explodiert. Mindestens 20 Jahre liegt sie hier.“

Rainer Entrup leitet die Bundesforstverwaltung auf dem früheren russischen Truppenübungsplatz zwischen Neuruppin, Wittstock und Rheinsberg im nördlichen Brandenburg, der als Bombodrom 17 Jahre Schlagzeilen lieferte. Die mehrfach ausgezeichnete Bürgerinitiative „Freie Heide“ kämpfte hier seit 1992 unverdrossen für ein Ende der militärischen Nutzung des 12 000 Hektar großen Areals an der Autobahn von Berlin nach Hamburg. Die Bundeswehr wollte nach dem Abzug der russischen Truppen für Trainingszwecke einen großen Bombenabwurfplatz einrichten. Erst im Juli 2009 verkündete der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung den Verzicht auf das Gelände, nachdem das Ministerium zuvor mehr als zwei Dutzend Prozesse verloren hatte.

In der Region war man erleichtert, hoffte auf die nun ungehinderte touristische Entwicklung rund um das Bombodrom. Kein Gastwirt, Bootsverleiher oder Tierhalter musste mehr den Lärm der Tiefflieger fürchten. Der riesige Übungsplatz selbst aber blieb Sperrgebiet. „Die Granate im Sandhügel ist der beste Beweis für deren Notwendigkeit“, sagt Entrup. „Wir wissen gar nicht, wie viele Kampfmittel, Blindgänger, Munitionsreste oder ganze Waffen sich im Boden verbergen.“ Das sei eine Aufgabe für kommende Generationen, Meter für Meter auf und unter der Erde abzusuchen.

Mit dem Jeep geht es auf holprigen Wegen zum „Generals- oder Feldherrenhügel“ mitten im Gelände. Rund 50 Stufen geht es zu Fuß nach oben, wo die Reste einer verglasten Plattform stehen, samt hölzernen Bänken und unterirdischer Küche. Von hier aus beobachteten die Generäle und nicht selten Staats- und Parteichefs aus dem ganzen Ostblock die großen Manöver auf dem Gelände. Für Übungszwecke war hier sogar der Nato-Flugplatz im niedersächsischen Nordhorn-Lingen detailgenau mit Hangars, Tower sowie Start- und Landebahnen nachgebaut worden. „Die Bomberpiloten erhielten ihre Einsatzbefehle oft auf ihren Flugplätzen im Ural, in Georgien oder in der Ukraine“, erzählt Lothar Lankow von der Sielmann-Stiftung, die 4 000 Hektar des Übungsgebietes für den Naturschutz übernommen hat. „Im westlichen Zielgebiet sollten sie dann den Flugplatz auf dem ‚Bombodrom’ oder andere markierte Ziele treffen.“ Oft seien Kampfhubschrauber und Panzer an diesen Manövern beteiligt gewesen.

Bis vor 25 Jahren habe man vom Generalshügel noch gut 15 Kilometer weit über eine künstlich freigehaltene Heide blicken können, meint Lankow. Heute seien es vielleicht noch fünf Kilometer, denn Kiefern, Birken und andere Bäume verdrängen die für viele Tierarten so wichtige Heide. „Deshalb lichten wir die Flächen aus, mähen sie maschinell oder brennen sie zielgenau ab“, zählt der Naturfachmann auf. „Natürlich erst nach einer gründlichen Munitionssuche.“

Nach seiner Erfahrung stammt die Munition im Boden nicht nur von den vielen Manövern. „Die russischen Truppen wollten Übungsplätze und Garnisonen bei ihrem Abzug besenrein übergeben und vergruben überzählige Waffen und andere Dinge einfach irgendwo im Gelände", sagt Lankow. „Da gibt es leider immer Überraschungen.“ Selbst ganze Panzer seien auf diese Weise versteckt worden. Diese Entdeckungen sprachen sich aber unter Schrottsammlern schnell herum, die die stählernen Ungetüme zerkleinerten und abtransportierten. Sie unterschätzten offenbar die Gefahren im Boden.

Trotz der Munitionsbelastung drängt Lothar Lankow zur Eile. „Unsere Heinz-Sielmann-Stiftung lebt allein von Spenden“, erklärt er. „Diese kommen aber nur, wenn die Menschen den Wert dieser Landschaft schätzen und möglichst erleben können.“ Deshalb finden im August zur Heideblüte wieder geführte Kutschfahrten statt. Und wann können sich Radfahrer und Wanderer selbstständig auf freigegebenen Wegen bewegen? Lankow überlegt kurz: „In vier bis fünf Jahren könnte es so weit sein.“ Erst dann hätte auch die einstige Bürgerinitiative „Freie Heide“ ihr Ziel erreicht.

Die Kutschfahrten durch die Kyritz-Ruppiner Heide finden vom 10. August bis 14. September statt. Es gibt verschiedene Anbieter. Start ist in Neuglienicke, nördlich von Neuruppin, am Restaurant Waldhaus (Mi bis Fr ab 10.30 Uhr, am Wochenende zusätzlich um 14 Uhr. Infos unter www.trekkingfahrten.de)

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