Berlin : Tourismus-Manager werben für mehr Groß-Events

Neue Angebote für besucherschwache Monate gesucht. Wegen der wirtschaftlichen Lage bleiben viele Inlandsgäste weg

Lothar Heinke

Von einer Krise mag Hanns Peter Nerger nicht sprechen, eher von „einer schwierigen Phase“, die der Berlin-Tourismus derzeit durchlebt. Potenzielle Reisegäste aus Deutschland seien „diffus verunsichert“, sagt der Geschäftsführer der Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM): „Die Leute tragen ihr Geld derzeit lieber auf die Bank statt ins Reisebüro.“ Besserung sei noch nicht in Sicht, aber bei den Leuten, die gerne reisen möchten, es im Moment aber nicht tun, entstehe Nachholbedarf. „Eines Tages, leider wohl nicht vor 2004, platzt dann der Knoten“.

Bis es soweit ist, leiden der BTM-Chef und die ganze Branche darunter, „dass wir Berlin über den Preis nach vorne tragen müssen, um am Markt überhaupt noch etwas loszukitzeln“. Früher pries man die Vorzüge dieser fantastischen Stadt – „heute verkaufen wir Berlin unterm Preis und sagen: Sie können ab soundsoviel Euro nach Berlin kommen. Ich nenne das Schweinebauchmarketing, analog der Annoncen für Sonderangebote.“

Ein weiteres Berliner Problem sei, dass der Hotelmarkt viel dynamischer wächst als der Reisemarkt – in den letzten zehn Jahren stieg die Zahl der Hotelbetten von 30 000 auf 68 000, in drei Jahren werden es 80 000 sein. Die Folge sei heute schon ein freier Fall, in dem sich die Hotelpreise befinden. Der wirkt sich auf die Ertragssituation der gastlichen Häuser aus und trifft besonders die Kleinen – „am Ende der Schraube leidet die typische Berliner Pension, die diese Preissprünge nach unten nicht mitmachen kann“.

Auch im Geschäftsreiseverkehr macht sich die gesamtwirtschaftliche Situation bemerkbar. BTM-Chef Nerger: „Am schwierigsten haben es hier die Fünf-Sterne-Hotels: Hohe Reisekosten gehören zum Einsparpotenzial der Firmen – morgens her, abends zurück, Übernachtungen sparen.“ Bei Kongressbesuchen wird viel stärker darauf geachtet, ob der Firma das überhaupt nützt, als Auszeichnung für gute Arbeit wird schon gar keiner mehr zum Kongress geschickt. Dennoch gibt es Anzeichen dafür, dass es im Tagungs- und Kongresstourismus im nächsten Jahr aufwärts geht. „Außer Konkurrenz“ läuft hier der Ökumenische Kirchentag Ende Mai 2003 mit erwarteten 150 000 Teilnehmern, 7000 Besucher hat ein „World Congress of Nephrology“ im Juni im ICC, 6000 ein Medizinerkongress.

Auswege? „Mehr Geld in die Portmonees“ fordert Adlon-Chef Jean K. van Dahlen, der an einem runden Tisch mit allen touristischen Dienstleistern über eine gezieltere Berlin-Werbung sprechen wird. Teilnehmen wird daran auch der Senat. Eine der zentralen Überlegungen wird sein, wie die besucherschwachen Monate – vor allem im Winter – mit neuen Angeboten gefüllt werden können. Hanns Peter Nerger wünscht sich „Groß-Events auf hohem Niveau“: Einen von Roncalli-Chef Bernhard Paul inszenierten Weihnachtsmarkt auf dem Gendarmenmarkt, Klassikkonzerte im Tiergarten (wie im Central Park), mehr Showelemente, brausendes Nachtleben, längere Öffnungszeiten – und einen geringeren Verwaltungsaufwand bei den Genehmigungen: „Jede Tür muss sich öffnen, an die zart angeklopft wird.“

Es gibt also Handlungsbedarf – aber auch Erfolge: Berlin steht in der Beliebtheitsskala der europäischen Hauptstädte bei den Touristen an dritter Stelle – nur London und Paris werden häufiger besucht. In Deutschland ist Berlin Spitze und hat München, Hamburg oder Frankfurt längst hinter sich gelassen. Und: Im Durchschnitt halten sich pro Tag um die 300 000 Touristen in unserer Stadt auf. Nach einer Gästebefragung bekannten 92,5 Prozent der Berlin-Besucher aus allen deutschen Landen, gern wieder in ihre Hauptstadt zu kommen. Dennoch: Unübersehbar ist ein Rückgang der Besucher aus dem eigenen Land, die im Schnitt 70 Prozent aller Gäste ausmachen. „Von Januar bis September übernachteten in Berlin 5 893 000 Inlandsgäste, das sind 7,5 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum 2001, während die Zahl der ausländischen Besucher nach einem dramatischen Rückgang nach dem 11. September wieder um vier Prozent stieg.“

Warum die Tourismusbranche für Berlin der Wirtschaftsfaktor Nr. 1 ist, zeigen diese Zahlen: 66 000 Arbeitsplätze, ein Gesamtumsatz von mehr als fünf Milliarden Euro im Jahr und 590 Millionen Euro Steuereinnahmen.

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