Tourismusmagnet : Cool, cooler, Berlin

Die ewigen Flauten im Hochsommer und um Weihnachten sind Geschichte, Berlin ist mit 20 Millionen Übernachtungen ein Lieblingskind der Touristen. Der Trend scheint stabil. Das Motto lautet: Die Welle reiten und oben bleiben.

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Aber auch draußen im Schnee ist man als Tourist nicht allein.Alle Bilder anzeigen
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20.12.2010 12:00Aber auch draußen im Schnee ist man als Tourist nicht allein.

Der Ehrentitel, den Berlin sich in diesem Jahr redlich verdient hat, ist schwer zu übersetzen, aber ihn versteht ohnehin jeder: „Europe’ s Capital of Cool“. Zwar erheben auch Antwerpen, Valencia, Zürich und vermutlich alle anderen europäischen Städte außer Bukarest Anspruch darauf, Hauptstädte der Coolness zu sein, aber sie sind weit entfernt davon, dies mit 20 Millionen Übernachtungen im laufenden Jahr belegen zu können.

Berlin kann es, und Berlin fühlt sich damit als Aufsteiger in höhere Sphären. Rom ist abgehängt und weiter oben warten nur noch London und New York darauf, besiegt zu werden. Allerdings geht es dann um 40 Millionen Übernachtungen und auch die größten Optimisten erwarten nicht, dass diese Verdopplung der Touristenzahlen ähnlich schnell voran geht wie der Schritt von 10 auf 20 Millionen, der etwas mehr als zehn Jahre dauerte.

Andererseits: Warum nicht? Die Parole, ausgegeben als Leitmotiv der „Berliner Tage des Tourismus“ im Frühjahr, lautet: „Die Welle reiten und oben bleiben.“ Die Stimmung ist gut, die Verantwortlichen ziehen weitgehend an einem Strang, wissen aber, dass dieses Ziel nur mit Geld, Glück und konsequenter Arbeit zu erreichen ist. Und, falls Linksautonome ihre Drohung nicht wahr machen, Touristenbusse und Szenelokale anzugreifen. Was dies betrifft, gibt Burkhard Kieker, Chef der Marketinggesellschaft „Visit Berlin“, sich gelassen, mahnt zur Ruhe und konzentriert sich aufs große Ganze. Die weltweit wahrgenommenen Stärken der Stadt müssten betont, gestützt, ausgebaut werden: Geschichte, Kultur, Lebensgefühl, Lebensqualität. „Das volle Metropolenprogramm zum halben Preis von London“, wie er sagt.

Rom ist abgehängt, und weiter oben warten nur London und New York

Jeder langjährige Berliner kann aus Erfahrung bestätigen, dass gerade in den letzten Jahren viel geschehen ist. Die letzte Initialzündung kam zweifellos durch die Fußball-WM 2006, die der Welt mit Millionen von Bildern einhämmerte, dass Berlin kein graues Freilicht-Museum ist, sondern eine höchst lebenswerte Stadt mit fröhlichen Menschen; diese Botschaft hat beispielsweise in Brasilien stark eingeschlagen. Seit 2006 ist die Stadt von Jahr zu Jahr fühlbar voller geworden, und das rund ums Jahr: Die ewigen Flauten im Hochsommer und um Weihnachten sind Geschichte, das Gedränge rund um Anziehungspunkte wie den Checkpoint Charlie wird immer dichter und wer versucht, wie früher schnell einmal in eins der großen Museen zu kommen, der resigniert oft angesichts der permanenten Warteschlangen.

Naturgemäß tun sich die Eingeborenen am schwersten damit, zu erklären, weshalb ihre Stadt für die Welt draußen so attraktiv ist. Deshalb werden Zeugnisse von weit draußen gern angenommen und begierig analysiert. „Berlin stand nicht mehr auf der internationalen Cool-Liste, seit Christopher Isherwood Anfang der dreißiger Jahre die Zerstörung der überschäumenden Kultur unter den Nazis beschrieben hat“, schrieb Peter Gumbel vor einem Jahr in „Time“, „und wenn Ausländer zu Besuch kamen, waren es Hippies, Spione, US-Präsidenten oder Touristen, die sich ein bisschen Kommunismus aus sicherer Entfernung ansehen wollten.“ Heute seien es Designer, Autoren, Architekten, Musiker und Künstler, deren Einfluss die Stadt verändere.

Hip, sexy, cool: Kürzel, die inhaltlich nur schwer fassbar sind, aber ein Lebensgefühl beschreiben, ein Gefühl, dass Platz genug für jeden noch so schrägen Lebensentwurf sei. Die coole Stadt Berlin hat Platz ebenso im physischen wie geistigen Sinn, sie erlaubt es jedem Zuzügler, sich weiterzuentwickeln, sie bietet erschwingliche Freiräume vor allem für Künstler, Modemacher, Filmleute, Galeristen, jene Berufsgruppen also, deren Arbeit dann auch Touristen in die Stadt lockt. Hinzu kommt, dass diese Freiräume noch auf unabsehbare Zeit bestehen bleiben, ungeachtet der bisweilen aufgeregten Debatte um die Gentrifizierung der Szenebezirke, die Fachleute wie Burkhard Kieker als unerheblich für den weiteren Erfolg Berlins einschätzen: „Die Szene zieht einfach um die Ecke.“

Berlins Aufschwung wurde von den Billigfliegen gefördert

Die Stadt darf aber nicht darauf hoffen, ohne weitere Anstrengungen auf dieser Welle oben zu bleiben. Die Stellschrauben sind zahlreich, aber nicht einfach zu bedienen. „Das Chaos in der Großstadt kann nur sanft moderiert werden“, sagte Andreas Reiter vom Zukunftsbüro Wien auf der schon erwähnten Tagung, „Berlin bliebe nicht sexy, wenn alle Einzelheiten organisiert wären.“

Aber es gibt natürlich auch harte, meist finanzielle Faktoren, die für den Erfolg der Stadt große Bedeutung haben. Kieker nennt als wichtige Baustelle vor allem den Kongresstourismus und äußert sich zufrieden darüber, dass die Sanierung des ICC bei laufendem Betrieb, ursprünglich geplant, abgewendet werden konnte: „Sie können keinen Chirurgenkongress neben eine Rigipswand setzen, hinter der gebaut wird.“ Sorgen macht ihm allerdings der internationale Trend, Kongresse mit viel Geld zu akquirieren: „Wien hat halb so viele Besucher, aber einen doppelt so hohen Etat wie wir.“ Kongresse, so meint er, müssten von der Stadt ebenso behandelt werden wie Ansiedlungen mittelständischer Unternehmen, denn auch der wirtschaftliche Effekt sei gleich hoch anzusetzen.

Ein besonders sensibler Bereich ist der Flugverkehr, „der muss besonders pfleglich behandelt werden“, wie Kieker meint. Zwar richten sich alle Hoffnungen auf den neuen Flughafen BBI, doch sie könnten sich als vergebens erweisen, wenn die neuen Abgaben auf den Luftverkehr das Geschäft verderben. Ryanair hat bereits einen Teilrückzug angekündigt – das ist insofern gefährlich, als der Aufschwung Berlins maßgeblich von den Billigfliegern gefördert wurde. Wenden sie sich von Berlin ab, dann nehmen sie auch ihre Passagiere mit, das gilt in der Branche als sicher.

Ob als nächstes die 30-Millionen-Marke ins Visier genommen werden kann? Das entscheidet sich nicht in Europa, sondern auf neuen, bislang nur schwer prognostizierbaren Märkten wie Indien und China. Die Hotelinfrastruktur sei diesem Ziel gewachsen, meint Willy Weiland, der Präsident des Hotelverbands. Er hatte als erster die 20-Millionen-Marke zum realistischen Ziel erklärt und weiß, dass die gegenwärtig vorhandenen 110 000 Hotelbetten längst noch nicht richtig ausgelastet sind. Andererseits ist dieser Angebotsüberschuss der Grund für die sehr niedrigen Zimmerpreise, die wiederum Berlin so attraktiv machen. Ob Berlin mit Londoner Preisen am Ende auch nur annähernd so attraktiv sein wird wie London? Das weiß niemand.

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