Touristen in Berlin : Schmerzlich willkommen

Segen oder Ärgernis? In der Stadt regt sich Unmut über Touristen. Viele halten genau das für gefährlich und fürchten um Berlins Image als gastfreundliche Metropole.

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Touristen kommen in Scharen. Ein paar intoleranten Kreuzbergern ist das zu viel – sie wollen die Besucher loswerden. Foto: ddp/Gottschalk
Touristen kommen in Scharen. Ein paar intoleranten Kreuzbergern ist das zu viel – sie wollen die Besucher loswerden. Foto:...Foto: ddp

Die zunehmende Feindseligkeit gegenüber Touristen wird von Politikern und Stadtwerbern mit großer Sorge aufgenommen. Manche fürchten bereits, dass Berlins Image als gastfreundliche Metropole Schaden nehmen könnte. „Wir werben ja gerade damit, dass Berlin eine weltoffene, lebensfrohe Stadt ist“, sagt Bernhard Schodrowski von der Industrie- und Handelskammer (IHK). „Berlin ist komplett frei zugänglich, es gibt keine No-go-Areas für Touristen – auch nicht in Kreuzberg.“

Montagabend hatten die Grünen in Kreuzberg zur Diskussionsveranstaltung mit dem Titel „Hilfe, die Touris kommen“ eingeladen – und wurden dabei selbst überrascht von den drastischen Unmutsäußerungen aus dem Plenum. Viele Anwohner hatten bekundet, in ihrem Bezirk keine Touristen haben zu wollen. „Solche Ansichten sind weltfremd und abwegig“, sagte am Mittwoch der grüne Wahlkreisabgeordnete Dirk Behrendt, Initiator der Podiumsdiskussion. Auf jeden Fall habe man einen Nerv getroffen.

Harsche Kritik an der Veranstaltung übte der SPD-Abgeordnete Daniel Buchholz: Stimmung gegen Touristen zu machen, sei „fatal, grotesk und auch tödlich für die Stadt“. Schließlich gehöre der Tourismus zu den wichtigsten Wirtschaftsstandbeinen der Stadt. Burkhard Kieker, Chef der Stadtwerber von „Visit Berlin“, warnt dringend davor, mit diesem Thema Wahlkampf zu machen: „Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr ärgere ich mich.“ Laut Wirtschaftsverwaltung kamen im vorigen Jahr 9,1 Millionen Gäste, die 20,8 Millionen Übernachtungen in den Hotels buchten, neun Milliarden Euro an Steuern in die Landeskasse brachten und nebenher die Jobs von 230 000 Menschen sichern. Von Investitionen in neue Hotels profitierten auch andere, etwa die Baubranche und ihre Zulieferer.

Laut Senatssprecher Richard Meng ist das Unter-sich-bleiben-Wollen der Kreuzberger „im schlechten Sinne konservativ“ und dazu„provinziell“: „Wenn es konkrete Probleme gibt, muss man sie konkret lösen, aber nicht dadurch, dass man den Eindruck erweckt, keine Besucher zu wollen.“ Ein Wirtschaftsvertreter wird noch deutlicher: „Die Kreuzberger fordern eine Toleranz ein, die sie für andere nicht aufbringen würden.“

Franz Schulz, der grüne Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, hat aber auch Verständnis für den Unmut der Anwohner. „Darüber sollte man nicht einfach hinweggehen, sondern offen darüber reden.“ Problematisch finden die Grünen etwa, dass immer mehr Mietwohnungen als Ferienwohnungen genutzt werden und so den Wohnraum verknappen. In ihrem Wahlprogramm, das am Wochenende verabschiedet werden soll, fordern sie die Wiedereinführung des sogenannten Zweckentfremdungsverbots, das genau das verhindert. Auch bei der Linkspartei gibt es Überlegungen, das Verbot wieder einzuführen. Die Pläne einiger Grüner gehen noch weiter. Sie wollen auch das Thema „City-Tax“ wiederbeleben, also diskutieren, ob auf jede Übernachtung in Hotels und Pensionen eine Abgabe erhoben werden soll. Ein anderer Antrag sieht vor, den „Wildwuchs von Hotelneubauten“ einzuschränken.

Mit der amtierenden Landesregierung ist das nicht zu machen. „Wir behindern doch nicht neue Hotels und Hostels“, sagt Senatssprecher Richard Meng. „Wir freuen uns über jeden, der kommt.“

Aus Sicht von Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) ist der Tourismus keine Belastung für die Stadt. Im Schnitt seien 480 000 Gäste täglich in Berlin, da sei es normal, dass es sich in manchen Kiezen balle. „Deshalb haben wir im neuen Tourismuskonzept auch auf eine stadtverträgliche Entwicklung des Tourismus gedrungen“, so Wolf. „Klagen der Einwohner über nächtliche Ruhestörung sind ernst zu nehmen, eine ,Wagenburgmentalität‘ jedoch ist zurückzuweisen.“

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