Touristenhasser-Debatte : Ich Rollkoffernazi

Selbst erst vier Wochen in der Stadt, aber schon inbrünstig jeden verachten, der nach einem gekommen ist – in Berlin eine salonfähige Haltung. Und dann reagieren sich auch noch alle an einem unschuldigen Gepäckstück ab. Ein Kommentar.

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Rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr. Rollkoffer sind bei manchen Berlinern sehr unbeliebt. Wegen Ihrer Geräusche, aber auch als Symbol für Tourismus und Gentrifizierung.
Rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr. Rollkoffer sind bei manchen Berlinern sehr unbeliebt. Wegen Ihrer Geräusche, aber auch als Symbol für...Foto: Jens Kalaene/dpa

Ob im Winter oder im Sommer, ob nach Tegel oder Schönefeld, meine Reisen beginnen stets in der U7, am Rathaus Neukölln. Wie viel Hass nun zwischen ein paar U-Bahn-Stationen passt, findet raus, wer einen Rollkoffer dabei hat, weil er, wie ich, manchmal einfach nicht so der Riesenrucksack-Typ ist. Immer noch, auch im x-ten Jahr der Gentrifizierungs- und Tourihasser-Debatte.

Es beginnt schon beim Hinuntergehen zur U-Bahn. Die 1,3 Sekunden Stillstand, die es an der Treppe braucht, die Ziehvorrichtung des Koffers hinunterzudrücken und den Griff zu packen, stellt einen Großteil der Menschen vor akute Contenance-Probleme. Wer nicht direkt auf Rempelkurs geht, wird unflätig. Da waren schöne Beleidigungen dabei, auch solche, die ich noch nicht kannte, darunter auch: Koffernazi.

Eieieieiei. Koffernazi! Ernsthaft?

Das Problem ist nicht der Koffer. Das Problem ist, was Berlin aus diesem Gepäckstück gemacht hat. Der Rollkoffer ist zum Politikum geworden, er ist Synonym alles Bösen. Wahrzeichen der Rauschtouristen, Gentrifizierer, Veränderer. Wer einen Rollkoffer sieht oder – noch schlimmer – hört, der krallt sich panisch in seinem alten Mietvertrag fest, starrt miesfressig durch die Gardinen und ruft nach 22 Uhr die Polizei. So geschehen neulich in unserem Innenhof. Keine Ahnung, ob es ein Mieter war, der aus dem Urlaub kam oder von einer Geschäftsreise. Oder einfach ein Freund eines Bewohners, der spät anreiste. Der dazugehörige Koffer, für vielleicht 20 Sekunden im Hof rollend, veranlasste eine Nachbarin erst dazu, laut aus dem Fenster zu schreien. Viel lauter als der Rollkoffer. Dann drohte sie mit der Polizei – und rief sie tatsächlich. Als die kam, waren Koffer und Besitzer natürlich längst weg.

Das Schlimme an dieser Szene ist nicht, dass es sich dabei um die Tat einer einzelnen Cholerikerin handelt. Das Schlimme ist, dass dieser Hass auf den Rollkoffer in Berlin so salonfähig ist. Dabei offenbart er vor allem eins: Provinzialität.

Der Rollkoffer ist Synonym des Bösen. Wahrzeichen der Rauschtouristen, Gentrifizierer und Veränderer

Zwei Drittel aller Berliner sind Zugezogene. Sie sind irgendwann einmal in ihrem Leben als Touristen, als Besucher oder sonstwie in diese Stadt gekommen. Sie fanden hier etwas vor, das gern mit dem Wort „Freiheit“ bezeichnet wird.

Man sollte meinen, dass die eigene Identität, die Tatsache, das man selbst eben kein gebürtiger Berliner ist, Verständnis schaffen sollte für all die, die ihr Glück, ihre Freiheit ebenso in dieser Stadt suchen. Aber so funktioniert das Berlin der Zugezogenen nicht. Hier gilt: selbst erst vier Wochen in der Stadt, aber schon inbrünstig jeden verachten, der nach einem gekommen ist. Das ist ein bisschen wie bei der Flüchtlingskrise. Viele Deutsche müssten nur zwei Generationen zurückblicken und sähen Parallelen zur Fluchtthematik in der eigenen Familie. In Ostdeutschland sogar nur eine Generation. Und dennoch schlägt den Neuankömmlingen ein Hass entgegen, der beschämend ist.

Zurück zum Koffer: Ganz furchtbar wird es, wenn die Doppelmoral zu einer doppelten Doppelmoral wird. So wie bei einem Kollegen von mir, der es kürzlich schaffte, sich erst über einen Rollkofferzieher zu mokieren, um über die Umwege Fußball und Freundin das Gespräch auf seine kommenden Reisetätigkeiten zu lenken. Ein Wochenende in Budapest, schön mit dem Billigflieger hin, nur Handgepäck. Wie denn dieses Handgepäck beschaffen sei, fragte ich ihn. Darauf er: so ein kleiner Koffer, der gerade so als Handgepäck durchgeht. Ich wartete einen Moment, in der Hoffnung, das ihm die eigene Idiotie gewahr würde. Aber nichts.

Wenn ich ihn das nächste Mal sehe, werde ich fragen, wie es war, auf der anderen Seite zu rollen. Bis dahin drehe ich jeden Abend zwischen 21 und 22 Uhr meine Koffer-Runden im Innenhof. Wie ein Gefangener zwischen Objektophoben. Als Abhärtung für die Gehörgänge der anderen – in der kommenden Vier-Millionen-Stadt wird die Zahl der An-, Ab- und Durchreisenden schließlich noch einmal höher sein. Und als ein Akt der Rebellion. Ein bisschen Rollkoffer-Revolution gegen die Lächerlichkeit des Hasses.

Dieser Text erschien zunächst als Rant in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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