Berlin : Trabi im Partykeller

Maarten de Jonge ist Clubbetreiber. Einer davon befindet sich in Gesundbrunnen. Er sagt: „Hier ist der Hype nicht so wie in Neukölln“

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Anpacker.
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Maarten de Jonge hat gar kein Faible für Möbel, sagt er, alles Quatsch. Zufall, dass sein Club Zur Möbelfabrik (ZMF) in der Brunnenstraße 10 nahe dem Rosenthaler Platz liegt und, der Name verrät es schon, sich in einer ehemaligen Möbelfabrik befindet. Und Zufall, dass sein anderer Club im Keller eines alten Möbelhauses untergebracht ist, ein paar hundert Meter weiter nördlich in der gleichen Straße, allerdings in Gesundbrunnen. Dem verpasste de Jonge den schlichten Namen Brunnen70, wegen der Adresse.

Nur die Türsteher und ein paar Bier trinkende Jugendliche verraten, dass in dem alten Plattenbau an der Brunnenstraße 70 nahe der U-Bahnstation Voltastraße, zwischen Baumarkt und Hostel, etwas los ist. Einen weiteren Hinweis auf den Laden sucht man vergebens. Der Eingang ist verdeckt durch ein Gebäudeteil des Hostels. Rein, besser gesagt: runter, geht es im Lastenaufzug. Im Keller angekommen, versteckt sich ein Raum nach dem anderen, auf 800 Quadratmetern stehen alte Sofas, Röhrenfernseher und zusammengezimmerte Tresen. In einer Ecke steht eine Tischtennisplatte, woanders blinkt ein alter Trabi, an die Wände sind Tiere gemalt. Einmal im Monat, bei der Partyreihe „Wild Wedding“, wird auch Minigolf gespielt, es gibt ein Labyrinth, einen XXL-Kicker, Theater. „Das sollte kein typischer Technoclub werden“, sagt de Jonge, 42. Die Clubs betreibt er nicht alleine, dahinter steht der Verein ZMF, aber de Jonge ist dessen Vorsitzender und der Macher.

Der Holländer kam 1993 zum Studium nach Berlin. Mittlerweile plant der gelernte Stadtplaner lieber Partys. Am Grabowsee bei Oranienburg veranstaltet er im Sommer ein Kunst- und Musikfestival, am S-Bahnhof Neukölln findet im Sommer regelmäßig das Grießmühle-Open-Air statt, freitags ist dort Kino. Grießmühle, Brunnen70, ZMF, spätestens hier wird klar, dass de Jonge seine Veranstaltungsorte einfach nach der örtlichen Begebenheit benennt. Manchmal packt er den Filmprojektor ein und zeigt Filme in Clubs und verlassenen Häusern. Wo es hingeht, steht nur in den Mails, für die man sich auf der Internetseite des ZMF anmelden kann. „Es muss sich immer ändern, darf nie 08/15 sein“, sagt de Jonge. Mit dem Verein sucht er nach einem Standort für ein Kulturhaus, zum Wohnen, Arbeiten und Feiern, egal ob in der Sonnenallee oder im Oderbruch.

Das Brunnen70 gibt es nun seit vergangenem Jahr, das ZMF schon seit elf. In Mitte hat de Jonge öfter Ärger mit den Nachbarn, musste schon schließen, durfte dann wieder öffnen. Gesundbrunnen dagegen sei noch wild, ungepflegt und günstig und biete Freiheit, um sich auszutoben. „Den Hype wie in Neukölln gibt’s hier nicht“, sagt de Jonge. Die Touristenhorden würden ihr Geld aber lieber ins Berghain tragen als zu ihm. Viele Berliner schätzen das. Dass Wedding und Gesundbrunnen mal Trendkieze werden, wie es in regelmäßigen Abständen erwartet wird, glaubt de Jonge nicht. Im Sommer sei beispielsweise die von vielen Einrichtungen gemeinsam ins Leben gerufene Veranstaltung Wedding Present „total gefloppt“. Dafür merke man die Gentrifizierung auch in Gesundbrunnen. „Wir sind die Spitze davon“ sagt de Jonge. Dann könnten bald auch die Partytouristen ins Brunnen70 kommen. Das Hostel ist schließlich schon vor der Tür. Christoph Spangenberg

Techno und House mit DJs der englischen Labels CrazyOldGoose und Bunka im Brunnen70. „Tanz! Jetzt erst recht!“ im ZMF mit Irie Electric, Pac Turner u.a., beides Sonnabend, ab 22 Uhr. www.brunnen70.de und www.zurmoebelfabrik.de

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