Berlin : „Tradition verpflichtet “

Der Historiker Julius Schoeps will Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde werden

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Die Jüdische Gemeinde steht vor Neuwahlen. Nach langem Kompetenzstreit löste sich die Repräsentantenversammlung wie berichtet auf. Mit dem Historiker Julius H. Schoeps meldet sich jetzt ein prominentes Mitglied der Gemeinde zu Wort. Schoeps gehört einer der ältesten deutschjüdischen Familien Berlins an. Er wurde 1942 im Exil in Schweden geboren. Heute leitet der 60-Jährige das Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien. Gerade erschien seine Autobiografie „Mein Weg als deutscher Jude“ (Pendo-Verlag, Zürich/Frankfurt. 318 Seiten, 19,90 Euro). Mit Schoeps sprach Amory Burchard.

Herr Schoeps, was hat zu der aktuellen dramatischen Führungskrise geführt?

Die Krise hat vier Aspekte: Der Vorstand war nicht in der Lage, den defizitären Haushalt in Ordnung zu bringen. Er hatte zunehmend Schwierigkeiten, das Konzept der Einheitsgemeinde, in der sich alle Glaubensrichtungen wiederfinden, zu definieren. Auch mit der Integration der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion war der Vorstand überfordert. Und schließlich hat die Abschaffung der Listenwahl dazu geführt, dass die 21 gewählten Gemeindevertreter sich jeweils selbst vertreten und die Interessen der Gemeinde aus dem Blick verloren haben.

Viele sagen jetzt: Die Gemeinde ist so heillos zerstritten, dass Neuwahlen nicht helfen.

Ich sehe eine Chance für einen Neubeginn. Eine Voraussetzung ist aber, dass niemand aus dem fünfköpfigen alten Vorstand wieder an die Spitze kommt. Wer auf der ganzen Linie versagt hat, sollte sich nicht mehr zur Wahl stellen. Das gebietet der politische Anstand. Jetzt müssen neue Gesichter her.

Sie selbst haben sich ja vor den Wahlen von 2001 entnervt aus der Gemeindepolitik zurückgezogen. Wollen Sie jetzt wieder antreten, gar für den Vorsitz kandidieren?

Ich bin bereit, Verantwortung zu übernehmen. Aber erst einmal muss die Gemeinde eine neue 21-köpfige Repräsentanz wählen, die dann den Vorstand bestimmt. Ich hoffe, dass sich genügend geeignete Kandidaten melden. Leider haben viele Gemeindemitglieder keine Lust mehr, sich zu engagieren.

Was halten Sie davon, Hilfe von außen zu holen, etwa den stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Michel Friedman?

Nichts gegen Michel Friedman, aber Repräsentanz und Vorstand sollten aus der Mitte der Gemeinde kommen. Bei 12 000 Mitgliedern wäre es ein Armutszeugnis, wenn sich keine Kandidaten finden würden.

Sie haben ihr langjähriges Engagement im Gemeindeparlament einmal mit Ihrer Familiengeschichte begründet.

Ich fühle mich in der Tat dem Erbe meiner Vorfahren verpflichtet. Der Philosoph Moses Mendelssohn war Ehrenvorsitzender der Gemeinde und David Friedländer, 1809 erster jüdischer Stadtverordneter Berlins, lange Jahre Gemeindevorsitzender. Heute haben wir es allerdings nicht mehr mit dem in dieser Tradition wurzelnden deutschen Judentum von vor 1933 zu tun. Die deutschen Juden stellen weniger als zehn Prozent der Mitglieder. Die Gemeinde setzt sich zusammen aus osteuropäischen Überlebenden der Konzentrationslager und deren Nachkommen sowie aus Israelis und russischen Juden.

Aber Sie wollen an die Tradition anknüpfen.

Die Berliner Gemeinde hatte eine große religiöse Bandbreite von reformorientierten Juden bis hin zu traditionell denkenden. Repräsentanten und Gemeindevorstände entstammten bürgerlichen Berufen: Rechtsanwälte, Ärzte, Wissenschaftler …

Wie kann die Finanzkrise gelöst werden?

Die Gemeinde hat einen Jahresetat von circa 25 Millionen Euro. Das entspricht einem mittelständischen Unternehmen. Man sollte eine Unternehmensberatung beauftragen, ein Sanierungskonzept zu entwickeln.

Wie sehen Sie die Rolle der Jüdischen Gemeinde in der Gesellschaft?

Der Vorsitzende einer Jüdischen Gemeinde hat sich um das Selbstverständnis der Gemeinde zu kümmern. Er soll natürlich auch öffentlich auftreten, aber sich ein Höchstmaß an Zurückhaltung auferlegen. Wir müssen uns nicht zu allem und jedem äußern.

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