Berlin : Tränen zum Abschied

Vierzig Jahre wurde in einem Laden am Brunsbütteler Damm Gottesdienst gefeiert. Jetzt wird die kleine Kirche geschlossen

Sven Schade

Eine Violine, ein Cello, mehr nicht. Kammermusik von Ravel auf diesen beiden Instrumenten – das klang etwas schräg und passte doch gerade dadurch sehr gut. Das Duo gab die traurige Begleitmusik zu einer Abwicklung: Die Ladenkirche nämlich, 1960 am Brunsbütteler Damm 17 zu Spandau eröffnet, wird geschlossen. Genauer gesagt, sie wird eingespart von der etliche Jahrhunderte älteren Schwester St.Nikolai und ihrer Gemeinde. Die Ladenkirchgänger müssen daher umziehen, ein paar Straßen weiter in die Petruskirche. Das stimmt die Laden-Gemeinde unzufrieden. Denn am neuen Ort wird sie wohl ihre Eigenart verlieren.

Die alte Predigtstätte war ein einfacher Laden an der Spandauer Verkehrsachse. Entsprechend war ihr Grundsatz: Sie war über 40 Jahre eine einfache und alltägliche Begegnungsstätte. Anstatt der althergebrachten Gottesdienste, den „Kultfeiern“ und „Rednerpult-Missionen“, pflegte man in der Ladenkirche lieber das gemeinsame Gespräch. Der ungewöhnliche Ort – ohne Turm, aber mit Schaufenster – lockte damit über die Jahre auch viele unkonventionelle Kirchgänger an. Manch einer mochte offenbar, aus welchen Gründen auch immer, keine Sakralbauten und bevorzugte mehr das Profane.

Proppenvoll ist der letzte Gottesdienst in den alten Räumen. Die Gemeindemitglieder halten sich an den Händen, viele haben Tränen in den Augen. Pfarrer Karsten Dierks zieht Vergleiche mit Paulus’ Römerbrief. Der Gemeinde-Laie Klaus Lindemann spricht nicht ohne Vorwurf von „schmerzhaften Entscheidungen“. Beim anschließenden Predigtgespräch beteiligt sich ein gutes Dutzend Menschen. Die anderen raunen gelegentlich zustimmend, manche Redner werden mit Applaus bedacht. Und alle singen kräftig mit.

Das ursprüngliche Konzept der Ladenkirche ist aufgegangen. Sie ist eine wirklich lebendige Gemeinde. Und dennoch wird die Predigtstätte dicht gemacht, denn wie überall fehlt es auch St.Nikolai am Geld. Obwohl: Die gestrichenen Stellen wollten Ehrenamtliche kostenfrei ersetzen. „Außerdem wollten wir 6000 Euro jährlich für die Miete zugeben“, sagt Lindemann. „Erstaunlicherweise waren nach diesem Angebot aber noch weniger Gemeinderatsmitglieder für die Erhaltung der Ladenkirche.“ Das verwundert, und die Ladenbesucher fanden das wohl auch etwas schräg. Um so besser passten Violine und Cello zu dem allerletzten Gottesdienst.

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