Tränenpalast : Geschichte unterm Hammer

Vor der Wende erlebte der Tränenpalast viele traurige Reisende, nach der Wende viele begeisterte Kulturfans. Nun wurde das Inventar des geschichtsbeladenen Ortes versteigert.

Berlin - An die traurige Vergangenheit des Tränenpalastes im geteilten Berlin erinnert nur noch wenig. Auf einem kaum beachteten Schild in einer Ecke des ehemaligen Grenzabfertigungssaals am Bahnhof Friedrichstraße steht zu lesen: "DDR - BRD - andere Staaten - Transit - Berlin West". Darauf klebt die Versteigerungsnummer 138. Mit der Insolvenzversteigerung des Inventars geht die Geschichte des in Nachwendezeiten legendären Veranstaltungsortes Tränenpalast nach 14 Jahren endgültig zu Ende.

An durchtanzte Nächte und spektakuläre Konzerte erinnern Auktionsobjekte wie Licht- und Tontechnik. Eifrig inspizieren die zahlreichen meist fachkundigen Besucher auch die vielen Kühlschränke, Stehtische und Stühle. Unter den Hammer kommt alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Im Versteigerungskatalog finden sich mehr als 180 Positionen. Angeboten werden unter anderem Polizei-Absperrgitter, 50 Barhocker, eine Fußbodenpoliermaschine und sechs Sonnenschirme. Ein Bechstein-Konzertflügel wechselt für 3000 Euro den Besitzer. Eine "zerlegbare Tribüne" mit Sitzgelegenheit für etwa 70 Personen aus dem Bestand des DDR-Fernsehens wird für 700 Euro verkauft.

Eigentlich ganz normales Inventar

"Das Inventar des Tränenpalastes ist eigentlich nichts besonderes", sagt Auktionator Holger Haun von Hanseatische Industrie Consult, der im Auftrag des Insolvenzverwalters die Versteigerung vornimmt. Ungewöhnlich sei vielmehr der geschichtsträchtige Ort, der eine große "kulturhistorische Bedeutung" habe. Zu DDR-Zeiten diente das Gebäude als Grenzabfertigungssaal. Ostberliner verabschiedeten hier ihre Besucher aus dem Westen oft weinend. Schnell erhielt der schmucklose Bau im Berliner Volksmund den Beinamen Tränenpalast.

"Wir haben hier einmal unsere Tante verabschiedet", sagt Reinhard Bujorski aus Falkensee, der mit seiner Frau die Versteigerung nutzt, um noch einmal einen Blick in das Gebäude zu werfen. Das sei schon sehr traurig gewesen, eigentlich habe er nur mit in den Westen gewollt. "Noch heute überkommt mich die Wut, dass das nicht möglich war", fügt der 68-Jährige hinzu. Auch die Blicke der Grenzer werde er nie vergessen.

"Auch nach so vielen Jahren ist dieser Ort für mich immer noch gruselig", sagt die West-Berlinerin Bettina Morgenroth. Seit der Wende sei sie nicht mehr hier gewesen. Mehrfach wurde der heute 48-Jährigen zu DDR-Zeiten die Einreise nach Ostdeutschland verweigert. "Für mich wäre es unvorstellbar gewesen, mich hier später bei Konzerten zu amüsieren."

Nach der Wende: Kulturpalast

Nach der Wiedervereinigung hatte sich das Haus als "Ort der Grenzgänge und des Aufeinandertreffens lebendiger Kulturen" entwickelt. Viele Künstler von nationalem und internationalem Rang begeisterten die Zuschauer - unvergesslich das legendäre Konzert von Prince im Jahr 1995. Nina Hagen spielte ebenso wie Marianne Rosenberg oder Entertainer Paul Kuhn. Im Mai 2005 musste Betreiber Marcus Herold jedoch Insolvenz anmelden. Der Veranstaltungsbetrieb lief noch bis Ende Juli.

Das Land Berlin hatte das Grundstück im vergangenen Jahr an den Hamburger Bau-Investor Harm Müller-Spreer veräußert. Ab Oktober soll auf dem so genannten Spreedreieck ein Geschäftshaus mit zehn Etagen errichtet werden. Der neue Besitzer kündigte später an, den Tränenpalast zu sanieren und weiter zu betreiben. Er will beispielsweise Heizung und Schallisolierung einbauen lassen, damit das denkmalgeschützte Gebäude anschließend erfolgreich als Kulturbetrieb genutzt werden kann. Für das DDR-Grenzschild gibt es in dem neuen Haus keinen Platz mehr - für 110 Euro ging es über den Tisch des Auktionators. (Von Mirko Hertrich, ddp)

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