Berlin : Tragfläche mit Tragweite

Die Wrackreste eines Flugzeugs aus dem Zweiten Weltkrieg kamen zu ungeahnten Ehren an Norwegens Botschaft

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Von Rolf Brockschmidt

Der Himmel über Berlin war an diesem Abend die Hölle. Das Wetter war schlecht, die Wolken hingen tief und Kapitän A.R. Mitchell hatte scheinbar Probleme, seinen Lancaster Bomber P411362/43 nach Mitte zu steuern. Suchscheinwerfer der deutschen Flugabwehr tasteten den Himmel ab, Flak-Feuer blitzte in den Himmel. Der Wind trieb die Maschine nach Südwest ab.

Es war der 2. Dezember 1943. Mitchell hatte das Zielgebiet für seine tödliche Last verfehlt und musste an den Heimweg denken, zurück auf den Flughafen Binblook bei Grimsby. Der Bomber der 400. Australischen Staffel hatte neben den Australiern Cole und Boyd die Briten Cooper, Ellis, Phelan und Keir mit an Bord. Und einen außergewöhnlichen Gast, den Royal Air Force Hauptmann, Kriegskorrespondenten Nordahl Grieg, ein überzeugter Kommunist, Widerstandskämpfer und zudem Norwegens bedeutendster Dichter der Gegenwart, der vor allem durch seine Gedichte während des Krieges zum festen Bestandteil der norwegischen Kulturgeschichte wurde. Grieg war einer von vier Journalisten, die an diesem Tag mit den Bombern nach Berlin fliegen durften. Er wusste, in welche Gefahr er sich begab. Die Bombenlast traf nicht mehr Berlin, sondern Kleinmachnow, wie aus jetzt gefundenem Archivmaterial des damaligen Bürgermeisters hervorgeht. Die Flugzeuge „warfen eine Sprengbombe, 80 Stabbrandbomben und 20 Phosphorbrandbomben ab. Vier Wohnhäuser wurden teilweise zerstört, darunter die Schule des Ortes. Insgesamt 40 Häuser wurden getroffen und beschädigt.“ Kommandant Mitchell musste seine Bomben abwerfen, um wieder zurückfliegen zu können. „Unsere Flugabwehrartellerie traf ein viermotoriges Bombenflugzeug. (...) Nachdem das Flugzeug eine Sprengbombe in den Teltowkanal abgeworfen hatte, zerbrach es und stürzte beim Schloss Hakeburg ab“, heißt es im Bericht des Bürgermeisters von Kleinmachnow. Nordahl Griegs Ahnung hatte sich bestätigt. „Die werden mich nie lebend kriegen“!, hatte er vor Abflug zu seiner Frau gesagt. Seine Erkennungsmarke hatte Grieg zu Hause gelassen, aber ein Amulett mit der Aufschrift „Nordahl“ hatte er getragen. Und so ist auch ein gefallener „Nordahl“ in den Akten des Friedhofes Döberitz verzeichnet. Nordahl Grieg war schon in den dreißiger Jahren als engagierter Schriftsteller aufgefallen, er war ein glühender Verteidiger der Sowjetunion und hatte als Korrespondent aus dem spanischen und chinesischen Bürgerkrieg berichtet. Er hatte an den ersten Kämpfen gegen Deutsche in Norwegen teilgenommen. Sein Tod über Berlin hat seinen Ruhm in Norwegen vergrößert. Kein Wunder, dass die norwegischen Behörden nach dem Krieg nach seinem Grab forschten - vergebens. Die NATO-Politik Norwegens hatte die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion erschwert. Man weiß heute, dass er irgendwo unter einem von russischen Panzern zerfurchten Übungsgelände bei Döberitz liegt.

Dann kam man aber auf norwegischer Seite auf die Idee, im Rahmen der Erforschung der Geschichte der Norweger in Berlin, nach dem Flugzeug zu fahnden. Eine Suchaktion über Internet und lokale Geschichtsvereine führte nach Kleinmachnow, wo sich der Sohn des Feuerwehrmannes von 1943, Bernd Käbelmann, an die Geschichte vom Absturz erinnerte. Er stellte eigene Nachforschungen an und fand den 90-jährigen Fritz Behrendt. Der erinnerte sich, dass sein Schwiegervater 1981 eine Tragfläche als Dach geborgt hatte. Und da tat sie bis vor kurzem ihren Dienst. Fritz Behrendt hat sie Norwegen geschenkt, gestern wurde sie frisch restauriert an der Wand über dem Dachgarten der norwegischen Botschaft in der Rauchstraße von Norwegens Kulturministerin Valgerd Svarstad Haugland zum 100. Geburtstag von Grieg als Denkmal enthüllt. Kristian Helland, Oberbürgermeister von Bergen, der Geburtsstadt Griegs, zeigte sich ebenso wie Grieg-Biograf Edvard Huem glücklich, dass nun der letzte Mosaikstein gefunden wurde. Botschafter Morten Wetland Fritz Behrendt dankte für die „für die Vervollständigung der norwegischen Geschichte.“

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