Berlin : Tragisches Ende einer Klassenfahrt

Betrunkener 17-Jähriger stirbt nach Sprung aus dem sechsten Stock eines Hostels. Schulleiter: Es gibt keine absolute Kontrolle.

T. Buntrock/S. Vieth-Entus

Die Schüler, die sich am Dienstag früh vor dem Hostel am Halleschen Ufer in Kreuzberg versammeln, sind noch sichtlich mitgenommen. Einige haben Tränen in den Augen. Die Reise nach Berlin, die ein spannender Ausflug in die Hauptstadt werden sollte, endete für die 24-köpfige Reisegruppe aus Nordrhein-Westfalen tragisch: Ein 17-jähriger Klassenkamerad hatte sich nach einem Trinkgelage gegen vier Uhr früh aus einem Fenster im sechsten Stock des Hostels gestürzt und starb an seinen Verletzungen. Zuvor soll er im Rausch darüber geredet haben, dass er sich umbringen wolle. Ein Fremdverschulden schließt die Polizei aus.

„Ich kann das noch gar nicht glauben, dass das alles wirklich passiert ist“, sagt eine Mitschülerin. Sie schildert, was aus ihrer Erinnerung in der Nacht zu Dienstag geschah: Etliche Schüler der beiden Berufskolleg-Klassen, die aus der Nähe von Aachen kommen, hatten sich in einem der Hostel-Zimmer getroffen, um zu feiern. Reichlich Alkohol sei geflossen. „Wir haben uns mit etwa dreizehn Leuten getroffen“, sagt sie. Auch ihr 17 Jahre alter Mitschüler Matthias (Name geändert) war dabei. „Er war ziemlich betrunken und hat plötzlich davon geredet, dass er hässlich ist und er von keinem gemocht wird und er sich umbringen will“, sagt sie. Daraufhin hätten zwei Freundinnen und sie Matthias in ihr Zimmer im sechsten Stock gebracht, um ihn ausnüchtern zu lassen. „Als er die Augen zugemacht hat, sind wir erstmal rausgegangen.“ Doch als die Mädchen einige Zeit später wieder in den Raum gingen, war das Bett leer. Der Mitschüler war aus dem sechsten Stock gesprungen und lag auf dem Betonboden vor dem Hostel. Erste Wiederbelebungsversuche einiger Schüler und der kurz darauf eingetroffenen Rettungskräfte blieben erfolglos. Die Polizei organisierte mehrere Seelsorger, die sich um die Schüler und die vier Lehrer der beiden Klassen kümmerten. Die Reise, die eigentlich bis Donnerstag gehen sollte, wurde abgebrochen. Am Vormittag reisten die beiden Gruppen ab.

„Ich kann zu dem Geschehen noch gar nichts sagen, weil ich mit keinem der Betroffenen gesprochen habe“, sagt der Schulleiter des Berufskollegs, Rudi Zins. Es sei aber für die Mitschüler und die Lehrer des 17-Jährigen eine „furchtbare Situation“. Allerdings weist Zins darauf hin, dass mehr als die Hälfte der Schüler bereits volljährig seien. Aus seiner Sicht könne man den Lehrern keine Vorwürfe machen, sie hätten ihre Aufsichtspflicht nicht verletzt. „Auf einer Klassenfahrt gibt es keine Rund-um-die-Uhr-Aufsichtspflicht. Es gibt gemeinsame Veranstaltungen und auch einen privaten Lebensbereich, der beispielsweise auch nicht von der schulischen Unfallversicherung abgedeckt wird“, sagt er. „Die Schüler dürfen auch in Kleingruppen etwas machen. Kein Lehrer kann stündlich Rundgänge machen und die Schüler an die Hand nehmen. Man kann gar nicht alles unter Kontrolle bekommen“, sagt er. Alkoholkonsum sei im Allgemeinen auf einer Schulfahrt nicht erlaubt. „Aber wie wollen Sie das in dem Alter durchsetzen?“

In den Ausführungsvorschriften der Senatsverwaltung für Bildung in Berlin ist der Umgang mit Alkohol nicht allgemein geregelt. „Die Schulen müssen das individuell festlegen“, sagt ein Lehrer. Laut Jugendschutzgesetz ist ab 16 Jahren der Konsum von Bier zwar erlaubt. Allerdings können die Lehrer vor einer Reise eine Selbstverpflichtungserklärung unterschreiben lassen, in der steht, dass Alkoholkonsum verboten ist.

Schulleiter Zins fürchtet, dass der Vorfall Auswirkungen auf künftige Fahrten haben könnte: „Bald traut sich kein Lehrer mehr auf Klassenreise.“ T. Buntrock/S. Vieth-Entus

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