Tram-Verkehr : Gefahr auf leisen Gleisen

Berliner Fußgänger hören die Tram oft nicht. Regelmäßiges Klingeln vor Überwegen und Kreuzungen könnte Passanten warnen. Ein Pro & Contra.

Klaus Kurpjuweit
Tram
Zug um Zug. Erst vergangene Woche starb ein Mann wieder bei einem Unfall. -Foto: Imago

Den einen ist sie zu laut – den anderen zu leise: die Straßenbahn. Anwohner beschweren sich häufig über den Krach der Züge beim Vorbeifahren, Fußgänger bemängeln oft, sie würden die Bahnen nicht hören und sich beim Überqueren der Gleise in Gefahr begeben. Ob dies auch bei dem 81-jährigen Mann so war, der am Donnerstag auf der Greifswalder Straße vor eine Tram gelaufen war und tödlich verletzt wurde, lässt sich nicht mehr klären. Die Tramfahrer bimmeln grundsätzlich, wenn sie sehen, dass sich ein Fußgänger in Gefahr begeben könnte; routinemäßig gibt es dagegen kein Warnsignal vor Überwegen oder Kreuzungen.

„Wir befinden uns hier in einer Zwickmühle“, sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz. Der Betrieb versucht seit Jahren, die Straßenbahn leiser zu machen – und investiert dafür auch viel Geld. Die Planer haben besondere „Flüstergleise“ entwickelt, und auch bei den Fahrzeugen soll moderne Technik den Lärm reduzieren. Ein fast ständiges Klingeln, um zu warnen, mache diese Bemühungen dann aber zunichte, sagte Reetz.

Trotz aller Anstrengungen seien die Straßenbahnen auch heute noch lauter als ein Auto; Fußgänger müssten die Tram also grundsätzlich hören können. Allerdings werden die Bahnen leise, wenn sie langsam fahren. Über den Alexanderplatz etwa dürfen sie nur mit 10 km/h fahren. Sehe ein Fahrer, dass ein Fußgänger die Gleise unmittelbar vor der Bahn überqueren wolle oder zu dicht am Gleis stehe, werde mit der Glocke gewarnt.

Auf dem Alexanderplatz sei dies häufig der Fall. Dort gibt es aber auch keine Anwohner, die aus dem Schlaf gerissen werden könnten. Unfälle habe es im Fußgängerbereich auf dem Alexanderplatz noch nicht gegeben, sagte Reetz.

Viel zu leise für die Ohren der Passanten waren vor Jahren auch neu angeschaffte Straßenbahnen in Würzburg. Bei der Fahrt durch die dortige Fußgängerzone ließ der Verkehrsbetrieb deshalb aus den Fahrzeugen Musik abspielen, um auf die sich nähernde Straßenbahn aufmerksam zu machen.

Allerdings sei die Musik von den Fußgängern oft nicht als Warnsignal zu erkennen gewesen, sagte der Sprecher der Verkehrsbetriebe, Jürgen Dornberger. Die Würzburger haben deshalb bald wieder auf die musizierenden Straßenbahnen verzichtet. Jetzt werde wie bei allen Straßenbahnbetrieben bei einer drohenden Gefährdung für einen Fußgänger geklingelt. Das reiche aus, ist Dornberger überzeugt, denn in der Fußgängerzone habe es bisher – wie auf dem Alexanderplatz – noch keinen Unfall mit der Straßenbahn gegeben. An die leisen Bahnen hätten sich die Passanten inzwischen auch gewöhnt.

Ob ein routinemäßiges Klingeln den Mann auf der Greifswalder Straße besser geschützt hätte, ist zweifelhaft. Er hatte die Gleise zwischen sogenannten Drängelgittern überqueren wollen. Dabei hätte er eigentlich die Straßenbahn zumindest sehen müssen, sagte Reetz.

PRO:
Straßenbahnen sind einfach toll. Sie donnern, ach was!, gleiten durch die Stadt, rollen völlig entspannt vorbei am dichten Autostau. Und als Fahrgast muss man auch keinen Hörsturz fürchten wie etwa in der U 2, die brutal laut in den Kurven vor sich hinquietscht.

Straßenbahnen sind aber auch eine Katastrophe. Sie rollen schnell am Stau vorbei, und wer sich als Fußgänger erst durch die dichten Autokarawanen geschlängelt hat, muss höllisch auf die gelben Ungetüme aufpassen, die da plötzlich vorbeischießen. Straßenbahnen sind 31 Meter lang und 2,4 Meter breit und mehr als 3 Meter hoch. Sie sind schwer zu übersehen – dank der wunderbaren Technik aber nun einmal leider zu überhören. Und wir wissen: Wer nichts hört, erwartet selten eine Gefahr – und guckt sich somit auch nicht vorsichtig um.

Keinem Menschen, schon gar nicht älteren, ist ein Vorwurf zu machen, dass er irgendwann schlechter hören oder auch sehen kann. Das Dilemma ist: Straßenbahnfahrer können nur beschleunigen oder bremsen, niemals aber gefährlichen Situationen ausweichen. Und wer nicht ausweichen kann, muss auf sich aufmerksam machen im Straßenverkehr.

Der Krach ärgert vielleicht ein paar Leute. Aber wenn Warnsignale schlichtweg Leben retten können – wer will schon ernsthaft dagegen sein? André Görke

CONTRA:
Wir haben noch lange nicht Frühling. Doch der Vorschlag, Berlins Trams künftig als tönende Bimmelbahnen durch die Stadt zu schicken, erinnert sehr an einen Aprilscherz. Es kann doch nicht wahr sein, dass da jahrzehntelang in Flüstergleise und leise Motoren investiert wird und man nun all diese Bemühungen um schallgedämpften Verkehr ad absurdum führen will. Mal im Ernst: Diejenigen, die teils nicht mitdenken und als Verkehrsopfer gefährdet sind – nämlich ältere Menschen –, hören ohnehin oft schlecht. Kinder könnte das Gebimmel von noch ganz anderen Gefahren ablenken. Und all jene, die die Hauptstadt mit ohnehin oft über den Grenzwerten liegenden Dezibeldaten bereits krank macht, sollen nun nur noch mit Ohrenschützern auf die Straße? Ganz abgesehen davon, dass die Tramfahrer schon jetzt in Notfällen Signal geben können. Es stimmt ja: Viel zu häufig verunglücken Fußgänger oder Autofahrer, weil sie Bahnen übersehen oder rasch wenden wollen, wo es verboten ist. Dass immer wieder Menschen unter eine Bahn geraten, liegt auch an nicht synchron geschalteten Ampeln. Man wägt sich in falscher Sicherheit, wenn die Fußgängerampel Grün zeigt – jene an den Gleisen aber Rot. Damit muss Schluss sein. Und mit der Idee, Straßenbahnen zu dröhnenden Techno-Trams zu machen. Annette Kögel

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