Transgender : Nicht Mann, nicht Frau

Der Verein "Transinterqueer" kämpft beim CSD für die Akzeptanz anderer Geschlechtsidentitäten. Männer wie Frauen, die formell ihr Geschlecht ändern wollen, müssen sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterziehen und nachweisen, dass sie steril sind.

Lea Hampel
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Gleich geht's los. Die Jungs von der GMF-Party, Denny (li.) und Bob machen die Plakate für die Parade klar. -Foto: Thilo Rückeis

Für Verwirrung sorgt Julia Ehrt (32 Jahre) schnell. Um das Handgelenk ihres kräftigen, behaarten Arms trägt sie ein pinkes Haargummi, die langen braunen Haare liegen auf breiten Schultern. Sätze wie „Das ist Diskriminierung und eine unzureichende Rechtslage“, sagt sie mit einer Stimme, die zwar weich ist, aber tief, männlich und wütend. Frau? Mann?

Genau diese Denkweise ist es, gegen die Julia Ehrt seit neun Jahren kämpft. Sie ist als Mann geboren, nennt sich Julia und will sich keinem Geschlecht zuordnen. In der Szene bezeichnen sich solche Menschen als Transmenschen. Für sie und andere, die sich im gängigen System der Zweigeschlechtlichkeit nicht wiederfinden, setzt sich in Berlin seit 2007 der Verein „Transinterqueer“ ein. Er hat über 80 Mitglieder.

Das deutsche Recht für Vornamen und Personenstand ist strikt. Um Alina statt Andreas zu heißen und von offizieller Seite als Frau wahrgenommen zu werden, muss man einen gerichtlichen Antrag stellen und zwei Gutachten von Medizinern einholen. Die Gutachter wiederum denken wie die meisten Menschen: Mann oder Frau. Transsexualität und andere Identitätsformen werden als Abweichungen vom Normalfall, als „Störungen“ gesehen. Besonders schlimm: Männer wie Frauen, die formell ihr Geschlecht ändern wollen, müssen sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterziehen und nachweisen, dass sie steril sind. „Man will auf keinen Fall die Schlagzeile ,Schwangerer Mann’ lesen“, sagt Julia Ehrt zynisch.

Das Problem sei, dass der rechtliche Diskurs dem medizinischen folge. „Und das ist ein Holzweg“, stellt sie resolut fest. Deshalb fordert „Transinterqueer“ gemeinsam mit dem „Transgendernetzwerk Berlin“, dass Artikel 1 und 2 des Grundgesetzes, die die Menschenwürde und die körperliche Unversehrtheit beinhalten, auch für Transmenschen gelten. Zu den Forderungen, die sie bei ihrer Rede um 18.40 Uhr auf der CSD-Hauptbühne an der Siegessäule und ihr Mitkämpfer Brian Janßen beim parallel laufenden Transgenialen CSD in Friedrichshain-Kreuzberg verkünden, gehören die Abschaffung des Sterilisationszwanges und eine Vereinfachung der „Transsexuellengesetz“ genannten Regelung. Jeder, der möchte, soll beim Standesamt seinen Vornamen oder Personenstand mit einem begründeten Antrag ändern können. Ginge es nach dem Verein, sollte das „Transsexuellengesetz“ komplett abgeschafft werden, weil es dem Prinzip des selbstbestimmten Menschen widerspricht. Bis es so weit ist, ist viel Überzeugungsarbeit nötig. Bisher kommt politische Unterstützung meist von Linken und Grünen. Auch mit der CDU spreche man, aber die Positionen des Vereins passten nicht zu deren traditionellem Rollenbild.

Mann oder Frau, in diesen Kategorien hat Julia Ehrt früher auch gedacht. Noch muss sie zwischen diesen Schubladen gelegentlich springen. Etwa, wenn sie eine „Reise in ihre Vergangenheit“ antritt, weil sie nach Syrien nur als Mann reisen kann. Denn in ihrem Pass trägt Julia noch einen Männernamen. „Ich bin Menschenrechtsaktivistin und kämpfe für eine Vereinfachung. Daher ändere ich meinen Namen erst, wenn das auch einfach geht.“ Lea Hampel

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