Berlin : Trauer am Amalienpark

Autorin Christa Wolf gab Renate Saavedra einst den Anstoß, einen Buchladen in Pankow zu eröffnen.

Markus Langenstrass

Renate Saavedra hat gerade ihren Buchladen aufgeschlossen, da klingelt das Telefon: „Christa Wolf ist tot.“ Sie stellt eine Rose neben Wolfs Bücher und ein Porträt vor die Tür, mit der Aufschrift: „Wir trauern“. Klar, sie wusste, dass es Christa Wolf in letzter Zeit schlechter ging, sie hatte mit der Tochter gesprochen. „Aber auf so etwas kann man sich nicht vorbereiten.“

Seit die Nachricht vom Tod der berühmten Pankowerin die Runde machte, ist es ist es an diesem Donnerstag in dem Buchladen in der Breiten Straße mit der Ruhe vorbei. Viele kannten die Schriftstellerin, die wenige Meter entfernt mit ihrem Mann in einer Straße am Amalienpark wohnte. Der Laden ist für sie der Treffpunkt fürs gemeinsame Trauern. Auch ihre letzten beiden von Wolf signierten Bücher verkauft Saavedra an diesem Vormittag.

Dass sie in diesem Buchladen steht, hat sie Wolf zu verdanken. Die Lektorin war nach der Wende in der DDR arbeitslos geworden: „Ich habe mich gefragt: Was kannst du?“ So sei die Idee entstanden, eine eigene Buchhandlung zu eröffnen. Und Christa Wolf wollte unbedingt eine gute in Pankow. Saavedra war von der Lage ihres ersten Ladens an der Damerowstraße nicht begeistert. Zu wenig Laufkundschaft, zu weit draußen. „Aber Christa Wolf war da zuversichtlich: Wir veranstalten Lesungen, dann kommen auch die Leute.“ Sie sollte Recht behalten.

Schon kurz nach der Eröffnung reichten die Räume nicht mehr aus. Wolfs Lesung der „Medea“ im Jahr 1994 war ein Publikumsmagnet, und Pankow hatte ein neues kulturelles Zentrum. „Sie wollte diese Nähe zwischen Autor und Leser“, erinnert sich Saavedra. Aber irgendwann sei das zu viel geworden. Bei der letzten Lesung der Schriftstellerin im Dezember 2010 habe sie einschreiten müssen: „Bitte lassen Sie nur ein Buch pro Besucher signieren,“ bat sie die Fans. Wolf sei da schon körperlich angeschlagen gewesen.

Körper und Psyche seien bei der Autorin immer sehr eng miteinander verbunden gewesen. „Das hinterlässt Spuren.“ Die tiefsten habe wohl die Sache mit der Stasi hinterlassen, glaubt die Buchhändlerin. Anfang der neunziger Jahre war bekannt geworden, dass Wolf unter dem Namen „IM Margarete“ bei der Stasi geführt worden war. Sie wehrte sich, indem sie ihre gesamte Akte veröffentlichte. Wolf galt auch als umstritten, weil sie lange für den Sozialismus eingetreten war. Ihre Werke polarisierten, von vielen wurde sie gefeiert. Als Saavedra die Autorin nach einer Lesung 2002 nach Hause begleitete, habe diese gesagt: „Eigenartig: Erst werde ich im Osten auf ein Podest gestellt. Und jetzt hier. Ich will aber auf keinen Sockel. Die Menschen stellen einen drauf, nur um ihn dann umzustürzen.“

Christa Wolf sei ein sehr zurückhaltender und warmherziger Mensch gewesen, sagt Saavedra. Sie habe sich für die anderen interessiert. „Das wird mir fehlen.“

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