Berlin : Trauer im Zoo: Der kleine Kiri ist tot

Heidemarie Mazuhn

Der kleine Elefantenbulle Kiri ist tot. Gestern morgen um sieben Uhr wollte Reviertierpfleger Rüdiger Pankow seinem "Ziehkind" im Zoo die Morgenflasche mit dem Elefantenspezialtrunk aus Kokos- und Palmöl, Mineralstoffen und Vitaminen geben. Im Käfig von Kiri empfing den Pfleger aber statt der üblichen freudigen Begrüßung mit hungrigem Gebrüll nur eine bedrohliche Stille. Der kleine Elefant lag leblos am Boden. "Noch warm war er da", sagte gestern Nachmittag Heiner Klös im Zoo. Vermutlich an einer Virusinfektion sei Kiri verendet. Genau lokalisiert sei die Infektion zur Stunde aber noch nicht. Das Tier befände sich zur Untersuchung im Institut für Lebensmittel, Arzneimittel und Tierseuchen in der Invalidenstraße.

Im Zoo selbst waren gestern alle entsetzt über den plötzlichen Tod des asiatischen Elefantenbullens. Dessen wichtigste Bezugsperson in seinem jungen Leben, Rüdiger Pankow, konnte man nicht befragen, irgendwo im Gelände hielt sich der Pfleger fern vom schnell einsetzenden Presserummel. Klös gab immer wieder die gleiche Auskunft: Nichts habe darauf hingedeutet, dass bei Kiri etwas nicht stimmt.

Am 5. April war Kiri zur Welt gekommen - nach 62 Jahren der erste Elefantennachwuchs im Zoo. Der Hoffnungsträger wuchs als "Waise" auf - sein Erzeuger Mampe war am 31. August 1998 durch ein Herpesvirus gestorben, und die Elefantenkuh Pang Pha entwickelte keine Muttergefühle, sondern verstieß ihren Nachwuchs gleich nach der Geburt. Trotzdem gedieh der kleine Berg - das heißt Kiri auf Thailändisch - dank der aufopferungsvollen Pflege seiner Zoo-Betreuer prächtig und brachte es vom Geburtsgewicht von 145 Kilo auf knapp 400 Kilo.

Dass das fröhliche Trompetengeschrei des kleinen Bullen nicht ertönte, scherte gestern die verbliebene Dickhäuter-Herde scheinbar nicht. Im Freigehege genossen die grauen Riesen den grauen Winternachmittag. Da sah man an einer Stelle zwei Elefanten ein tiefes Loch in den Schnee buddeln, um sich lustvoll mit Dreck bewerfen zu können, an anderer Stelle naschte ein Artgenosse von Kiri mit langem Rüssel neugierig Schnee aus der Rinne des Vordachs am Elefantenhaus, und auch Pang Pha stapfte wie immer mal bei dem, mal bei jenem Elefantenkumpel im Tross mit.

Nur draußen vor dem Gehege wurde getrauert. "Bei Kranzler war kein Stuhl mehr frei, und was soll man bei solchem Wetter noch machen, da bin ich eben in den Zoo zum kleinen Elefanten, und nun das", sagte eine alte Dame. "Traurig ist das, es fehlte eben doch die Mutter, auch die besten Vitamine ersetzen nicht die Muttermilch". Sie wusste genau Bescheid, "dass das nicht gut gehen konnte". Noch besser wollte eine ebenfalls ältere Dame wissen, was ihrem Liebling fehlte, den sie täglich besucht hatte. "Kiri war am Mittwoch schon nicht auf dem Posten, das habe ich genau gesehen, der hatte geschwollene Gelenke, und die Augen liefen ihm. Ich wollte Herrn Pankow aufmerksam machen, habe ihn aber nicht gefunden". Sie "diagnostizierte" rheumatisches Fieber, "da kann man als Baby im Nu tot sein".

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