Trauer um Bärbel Bohley : "Du Mutmensch hast das Einmischen gelehrt"

Seit Mittwoch liegt am Alexanderplatz das Kondolenzbuch für Bärbel Bohley aus. Die Beileidsbekundungen sind eine Mischung aus Trauer, Dankbarkeit und Bewunderung.

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Abschied. Aus den Einträgen sprechen Trauer und Bewunderung. Foto: Mike Wolff
Abschied. Aus den Einträgen sprechen Trauer und Bewunderung. Foto: Mike Wolff

„In Dankbarkeit, Trauer und mit großem Respekt“ – diese Worte schrieb am Mittwochvormittag als eine der Ersten die Leiterin der Stasi-Unterlagenbehörde Marianne Birthler in das Kondolenzbuch für die am vergangenen Sonnabend verstorbene Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley. Das Buch liegt noch bis zum 3. Oktober im Pavillon der Freiluft-Ausstellung über die Wendezeit in der DDR auf dem Alexanderplatz, erst im Laufe des Tages wollte die Robert-Havemann-Gesellschaft zu dem herbstlichen Blumengebinde neben dem Kondolenzbuch wenigstens ein Foto der „Mutter Courage der friedlichen Revolution“ aufstellen. „Das ist hier allzu nüchtern“, moniert ein Besucher. Immerhin: Bärbel Bohley und ihr oppositionelles Mitwirken am Untergang der DDR ist auf zahlreichen Fotos innerhalb der Ausstellung zu sehen.

Die ersten Beileidsbekundungen sind eine Mischung aus Trauer über den Verlust „eines ebenso großartigen wie bescheidenen Menschen“ und aus Bewunderung: „Wir haben ihrem Mut viel zu verdanken“, schreibt ein Berliner, Jutta Geißler, eine Rentnerin aus Treptow, bestätigt das. „Danke!“, schreibt sie ins Buch und erzählt, wie ihr einst der Mut zum Aufbegehren gefehlt hat, „aber Bärbel Bohley hat uns allen vorgemacht, wie Mut und Zivilcourage gelebt werden“. „Du Mutmensch hast vielen das Hinschauen und Einmischen gelehrt, mich auch“, schreibt ein Berliner, für einen anderen ist Bärbel Bohley „die aufrichtigste Person, die ich kenne“. „Nicht jeder kann von sich behaupten, das Land verändert zu haben – Du schon!“ ist eine direkte Ansprache an die Frau, von der ein Tourist aus Karlsruhe schreibt, dass er „aus der Ferne Ihr mutiges Tun voll Anerkennung und Dankbarkeit verfolgt“ habe, Bärbel Bohley sei für ihn einer der Wegbereiter für die Wiedervereinigung. Und Renate Meyer aus Berlin sieht in der Widerständlerin „unsere große Lichtfigur“.

Leider kann man die Lichtfiguren der friedlichen Revolution und deren weitreichende Folgen nur noch bis zum 3. Oktober in der Ausstellung „Wir sind das Volk“ auf dem Alexanderplatz erleben. „Am 4. Oktober, also einen Tag nach den Jubiläumsfeiern zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung, wird unser Pavillon abgebaut“, sagt Tom Sello von der Robert-Havemann-Gesellschaft. Die zahlreichen Aufstelltafeln mit einer Fülle von Bildern, Dokumenten, Zeitungsausschnitten und Belegen für das Zusammenbrechen des Systems werden zerschreddert. „Wir haben keine Mittel für die Verlängerung bekommen“, sagt Tom Sello. Zuständig sei der Bund, der gemeinsam mit der Stadt Berlin bislang 2,7 Millionen Euro für das komplette Projekt bereitgestellt hat. Eineinhalb Jahre, viel länger als vorgesehen, steht die Schau auf dem Alexanderplatz. Sie hatte bislang mehr als zwei Millionen Besucher. Es gab mehrere Anfragen aus anderen Städten, zum Beispiel aus München, aber auch ein „Export“ der Schau scheitert bislang an den Kosten. „Die Wirkung ist groß, uns wäre es lieber, die Ausstellung könnte bleiben“, sagt Tom Sello. Lothar Heinke

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