Trauer um Potsdamer Ehrenbürger : Hans-Joachim Giersberg ist tot

Hans-Joachim Giersberg, der frühere Generaldirektor der Schlösserstiftung, ist tot. Der Ehrenbürger der Stadt Potsdam starb im Alter von 76 Jahren. Er hatte großen Anteil an der Sanierung zahlreicher Schlösser und setzte sich gegen die Kommerzialisierung des Welterbes ein.

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Hans-Joachim Giersberg, hier vor dem Schloss Charlottenburg, war lange Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten.
Hans-Joachim Giersberg, hier vor dem Schloss Charlottenburg, war lange Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und...Foto: dpa

Der langjährige Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, Hans-Joachim Giersberg, ist tot. Das erfuhr der Tagesspiegel aus dem Potsdamer Rathaus und von der Schlösserstiftung. Giersberg starb den Angaben zufolge im Alter von 76 Jahren. Eine offizielle Mitteilung von der Stiftung und der Stadt Potsdam wird für Mittwochnachmittag erwartet.

Noch zu Lebzeiten war Giersberg von der Stadt Potsdam zum Ehrenbürger ernannt worden, er war in der Landeshauptstadt überaus beliebt. Nach dem Ende seiner Karriere als Generaldirektor der Schlösserstiftung zog sich Giersberg aus der Öffentlichkeit zurück. Er meldete sich nur noch selten zu Wort – und wenn doch, weil das Thema seine Herzensangelegenheit war. In der Debatte um den Parkeintritt für Sanssouci stellt er sich gegen seinen Amtsnachfolger Hartmut Dorgerloh: Frei zugängliche Welterbeparks „muss sich eine Gesellschaft leisten“, sagt er. „Besonders in Deutschland hat dies Tradition.“

Sympathien der Bürgerrechtsbewegung

Als er zwölf Jahre alt ist, siedelt Giersbergs Familie von Schlesien nach Potsdam über. Nach einem Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Völkerkunde promoviert er 1975 mit einer Arbeit zur „Zur Rolle Friedrichs II. von Preußen als Bauherr und Baumeister“. Bereits 1978 wird der damals 40-Jährige zum Schlösserdirektor in der Verwaltung der zu DDR-Zeiten Staatlichen Schlösser und Gärten Potsdam-Sanssouci berufen.

Noch vor dem Mauerfall wagt er einen Schritt, der ihm bis heute die Sympathien der Bürgerrechtsbewegung einbringt. Als 1988, unter anderem vom früheren Regierungschef Brandenburgs, Matthias Platzeck (SPD), die Arbeitsgemeinschaft des Kulturbundes aus der Taufe gehoben wird, die erste Versuche zur Rettung des verfallenen Belvederes auf dem Pfingstberg unternimmt, unterstützt er diese Bestrebungen der Stasi zum Trotz öffentlich durch seine Teilnahme am ersten Pfingstbergfest im Juni 1989.

Nach der Wiedervereinigung fällt Giersberg die Rolle des Architekten der Neustrukturierung der Schlösserverwaltung zu. Dass die Parklandschaft von Sanssouci von der Unesco noch 1990 mit der Aufnahme in die Welterbeliste geadelt wird, ist auch sein Verdienst. Fünf Jahre dauert es, bis aus den Schlossverwaltungen der DDR und Westberlins die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg hervorgeht. Giersberg wird ihr erster Chef. Mit den Stiftungsgebern, dem Bund, Berlin und Brandenburg, ringt er um eine auskömmliche Finanzierung für die Sanierung der maroden Schlösser. Die Belvederes auf dem Pfingst- und dem Klausberg werden unter seiner Ägide saniert – auch weil Giersberg es schaffte, Mäzene für die Projekte zu gewinnen. Auch die Schlösser Caputh, Paretz und Königs Wusterhausen werden saniert. Parallel schafft Giersberg es noch, ein viel gerühmtes Standardwerk über das Potsdamer Stadtschloss zu schreiben.

Widerstand gegen die Kommerzialisierung des Welterbes

Doch es gibt auch bittere Momente für den Potsdamer Chefwelterbehüter. 1998 setzt der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) beim Staatsbesuch von US-Präsident Bill Clinton ein Dinner im Schloss Sanssouci durch. Giersberg ist entsetzt und spricht von einem Tabubruch. „Kein deutscher Kaiser hat je in Sanssouci gespeist, kein Reichspräsident und kein Staatsratsvorsitzender“, ereifert sich der Generaldirektor. Als Clinton ihm beim Schlossrundgang fragt, wo er sich vor dem Essen die Hände waschen könne, verhält er sich wie ein Gentleman und gibt freundlich Auskunft. Giersberg wird das Dinner später als seine größte Niederlage werten.

Die Zähne zusammenbeißen muss er auch ein Jahr später, als Modeschöpfer Wolfgang Joop 1999 sein neues Parfum „Rococo“ in den Neuen Kammern präsentieren darf – die Landesregierung unter Regierungschef Manfred Stolpe (SPD) setzt sich über Giersbergs Veto hinweg.

Gegen die Kommerzialisierung des Welterbes hat sich Giersberg stets vehement gewehrt – auch wenn er selbst es war, der eine Ausnahme eingeführt hat: die Potsdamer Schlössernacht. Das Lustwandeln von Zehntausenden, jährlich einmal im August, nimmt er als notwendiges Übel hin, um das Welterbe auch jenen ins Bewusstsein zu rücken, für die Parks und Schlösser nur malerische Kulisse für ein Spektakel sind.

Für die verlorenen Schlachten entschädigen ihn die zahlreichen schönen Aufgaben, die der Job mit sich bringt. Fast alle gekrönten Häupter Europas darf Giersberg durch die Schlösser führen. Am angenehmsten findet er die niederländische Königin Beatrix, die beim Sanssouci-Besuch freiwillig in die Filzpantoffeln schlüpfte – obwohl für sie eine Ausnahme gegolten hätte. Dennoch hinterlässt der Posten Spuren. 2001 kündigt Giersberg überraschend seinen Abschied an – mit 63 Jahren geht er aus gesundheitlichen Gründen in den Vorruhestand – und wird anschließend mit Ehrungen überhäuft: Potsdamer Ehrenbürgerschaft, Brandenburgischer Adler-Orden, Bundesverdienstkreuz, zuletzt der Wilhelm-Foerster-Preis der Urania. (mit axf)

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