Trauer und Zorn : Gedenkfeier für den kleinen Christian

Mehrere hundert Menschen haben am Freitag bei einem Gedenkgottesdienst in Berlin um den ermordeten Christian getrauert.

Berlin (02.09.2005, 14:49 Uhr) - Der Siebenjährige war am Sonnabend vor einer Woche unweit seiner Wohnung von einem 16 Jahre alten Jugendlichen aus der Nachbarschaft «aus Frust» erschlagen worden. Der Vater hatte die entkleidete Leiche seines Kindes wenig später in einem Gebüsch gefunden. Ein Termin für die Beerdigung des Jungen steht noch nicht fest.

Es ist ein strahlend schöner Tag - wie vor sechs Tagen, als nicht weit von hier die grausame Tat geschah. Die Sonne taucht den Kirchenraum zu dieser Mittagsstunde in helles, warmes Licht, ein Kontrast zu der Trauergemeinde. In den Gesichtern der Menschen spiegeln sich wechselnd Schmerz, Ratlosigkeit und Empörung angesichts des Verbrechens. Viele Besucher - ob Kinder, Frauen oder erwachsene Männer - brechen in Tränen aus.

«Es ist unfassbar, dass so etwas am helllichten Tag geschehen konnte», meint eine 15-Jährige. «Hier kennt doch jeder jeden.» Auch Freunde des Mörders sind zum Gottesdienst gekommen. «Das hat jeden von uns tief ins Herz getroffen», schluchzt eine Lehrerin aus Christians Schule. «Die Tat ist erdrückend und unfassbar. Wir alle, Schüler, Eltern und Lehrer sind geschockt und verängstigt.»

In der ersten Reihe vor dem Altar sitzen die engsten Angehörigen des Ermordeten. Der von Tränenausbrüchen geschüttelte junge Vater hält seine Frau und die beiden älteren Brüder während der ganzen Zeit in den Armen, als wollte er die Familie beschützen. Auch viele seiner in Feuerwehruniform erschienen Kollegen haben Tränen in den Augen.

Die Stimmung der Trauernden gibt Pfarrerin Beate Hornschuh-Böhm in ihrer Predigt wieder: Die Gemeinde sei versammelt «im Entsetzen über die Gewalt, der Christian zum Opfer fiel, aber auch in leidenschaftlichem Zorn», dass sein Tod nicht verhindert wurde. «Das Paradies gibt es nicht mehr», sagt die Geistliche. «Auch bei uns ist die Geschichte von Kain und Abel geschehen» - so zieht sie eine beklemmende Parallele vom biblischen Gleichnis um Kain, der seinen Bruder erschlug, zu dem Mord im wohlhabenden und schönen Zehlendorf.

Trotz vieler Warnungen von Erziehern und Lehrern angesichts der verhängnisvollen Entwicklung des jugendlichen Täters hätten die Behörden nicht eingegriffen. «Es geschah zu wenig, um diese Eskalation der Gewalt zu verhindern», klagt die Pfarrerin, die während ihrer Predigt immer wieder um Fassung ringen muss. Die bittere Lehre aus dem Tod des Jungen müsse sein, mehr aufeinander zu achten und Solidarität zu leben. Von einem Sozialarbeiter habe sie gehört, dass es nach dem Mord bei dem einen oder anderen Jugendlichen «klammheimliche Bewunderung» für den Täter gab, weil der mit Clique einen ganzen Stadtteil in Atem hielt.

Seit dem Mord an dem Jungen spitzt sich in Berlin die Debatte um härtere Gesetze gegen jugendliche Gewalttäter zu. Der 16-Jährige, der den Mord nach eigenem Geständnis aus «persönlichem Frust» zugegeben hat und in Untersuchungshaft sitzt, gilt als Intensivtäter. Trotz eines Haftbefehls vom Juni wegen eines anderen Gewaltdelikts war er auf freiem Fuß.

Am nur 500 Meter von der Kirche entfernten Tatort haben Trauernde Blumen, Briefe und Kuscheltiere niedergelegt. Ein Kind hat auf ein Blatt, an den Mörder gewandt, geschrieben: «Du bist doch selber noch ein Kind, warum erschlägst Du dann ein Kind?» (tso)

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