Berlin : Trauma oder Komplott?

Der Staatsanwalt ermittelt gegen einen Polizisten, der einen Unfallbeteiligten und eine Kollegin mit der Pistole bedroht haben soll. Die Hintergründe sind mysteriös

Tanja Buntrock

Der Fall eines Berliner Polizeibeamten, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung und Bedrohung im Amt ermittelt, beschäftigt die Behörden. Einige glauben, dass der Beamte noch immer ein Trauma zu verarbeiten hat, andere wittern einen Komplott gegen ihn. Der Vorwurf: Polizeikommissar Hans F. soll bei einem Unfall am 30. Juli am Hackeschen Markt einem der Unfallbeteiligten seine nicht durchgeladene Dienstpistole an den Kopf gehalten und abgedrückt haben. Auch seine eigene Kollegin habe er danach mit einer Waffe bedroht. Der Unfallbeteiligte hat Hans F. daraufhin angezeigt. Nun prüft ein Staatsanwalt den Fall. Der Polizeikommissar musste seine Dienstwaffe abgeben und wurde in den Innendienst versetzt. Bei der Polizei vermuten einige Beamte, dass Hans F. so gehandelt hat, weil er in eine posttraumatische Belastungssituation geraten ist. Der Hintergrund: Hans F. war am 6. März 1993 Beifahrer im Funkwagen auf einer Einsatzfahrt als sein Kollege Mike W. auf der Schlossbrücke gegen einen Betonpfeiler prallte und das Geschwisterpaar Rosa (6) und Carl (4) Sch. mit in den Tod riss.

Doch Peter Niespodziany, ehemaliger Leiter der Sozialbetreuung der Berliner Polizei sieht das anders. Er betreut Hans F. und seinen Kollegen bis heute. „Ich halte es für äußerst abwegig einen Zusammenhang zwischen dem jetzigen Vorfall und dem tragischen Unfall vor zehn Jahren herzustellen“, sagt der mittlerweile pensionierte Sozialbetreuer. „Am 30. Juli wurde Hans F. zu einem Unfall gerufen, um ihn aufzunehmen. Vor zehn Jahren war er auf tragische Weise selbst beteiligt. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Wer dort einen Zusammenhang herstellen will, der tut das gezielt.“ Will möglicherweise jemand aus der Behörde Hans F. schaden? Immerhin stand Hans F. nach Informationen dieser Zeitung kurz vor der Beförderung zum Polizeioberkommissar.

Niespodziany sagt, dass Hans F. sein Trauma „bilderbuchmäßig“ verarbeitet habe. Er schätzt seine psychische Verfassung als sehr stabil ein. Doch so lange die Staatsanwaltschaft ermittelt, könne er Hans F. nur raten die Zähne zusammenbeißen und hoffen, dass genau geprüft wird, was wirklich am 30. Juli geschehen ist. Nach Informationen des Tagesspiegel soll Hans F. nämlich gezwungen gewesen sein, seine Pistole zu zücken, um sich zu verteidigen. Der Unfallbeteiligte, der die Anzeige erstattet hat, soll ein Libanese aus der Türsteher-Szene sein. Der bullige Mann soll gezielt und bedrohlich auf Hans F. zugegangen sein. Deswegen habe Hans F. die Waffe gegen den Mann gerichtet. Dass er abgedrückt haben soll, geht lediglich aus der Anzeige des Unfallbeteiligten hervor. Auch, dass er seine Kollegin mit der Waffe bedroht haben soll, ist nicht bewiesen. Sie soll abseits gestanden und sich um den anderen Unfallbeteiligten gekümmert haben.

Hans F. ist nach dem Vorfall erneut an die Sozialbetreuung der Polizei verwiesen worden. Dort kümmert sich einer der sechs Kollegen ebenso wie Niespodziany um ihn. Rund 700 Polizeibeamte und Familienangehörige werden pro Jahr von den speziell geschulten Mitarbeitern betreut. Der Großteil der Probleme seien „psycho-soziale Notlagen“, sagt die Leiterin Manuela Kazmiersky. Das sind depressive Verstimmungen, Scheidungsprobleme oder Beziehungsstress. Über ein Viertel der Fälle seien Suchtprobleme, nur zehn Prozent gingen auf traumatische Situationen im Dienst zurück.

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