Berlin : Traumjob Gastarbeiter

Immer mehr Berliner Arbeitslose suchen ihr Glück im Ausland – bei den Vermittlern stehen Interessenten Schlange

Stephan Wiehler

Die Wirtschaft dümpelt, hohe Steuern und Sozialabgaben hemmen Investitionen, Firmenpleiten ohne Ende und kein Ausweg aus der Jobmisere. Immer mehr Berliner Arbeitslose kehren Deutschland den Rücken und suchen ihr Glück als Gastarbeiter im Ausland. Ob als Maurer in Norwegen, als Klempner in Neuseeland, als Friseur auf den Kanarischen Inseln oder als Arzt in Großbritannien – deutsche Fachkräfte werden händeringend gesucht und mit Konditionen gelockt, von denen mancher Arbeitnehmer hierzulande nur träumen kann.

„Bloß raus aus Deutschland“, sagt sich deshalb auch Andreas Fiedler. Als Langzeitarbeitsloser ist der 42-Jährige Stammkunde im Berliner Arbeitsamt. In den letzten Jahren hat der Betriebsschlosser sich unter anderem als Maler, Putzkraft und Rettungsschwimmer verdingt. Derzeit hat ihm sein Sachbearbeiter im Arbeitsamt dennoch nichts zu bieten, er solle sich im Mai wieder vorstellen, sei ihm beschieden worden.

Dass es anderen ähnlich geht, hat der Schlosser kürzlich im Hotel Estrel in Neukölln erlebt. Mehr als 1100 arbeitssuchende Männer vom Bau drängten sich dort auf einer Jobbörse, die von der Bundesanstalt für Arbeit gemeinsam mit der norwegischen Arbeitsverwaltung veranstaltet worden war, um Fachleute für die boomende Baubranche in Norwegen anzuwerben.

Vom Ansturm der Interessenten war selbst Mitorganisatorin Ina Rosenow überrascht: „Wir hatten mit rund 300 Teilnehmern gerechnet.“ Das Interesse an Auslandsjobs ist für die Mitarbeiterin im Arbeitsamt Berlin Südwest allerdings nichts Neues. Ina Rosenow kümmert sich um Arbeitssuchende, die sich für Jobs im Ausland interessieren. Die Eures-Beraterinnen, so der Name des europäischen Netzwerks nationaler Arbeitsverwaltungen, werden der Flut von Anfragen inzwischen kaum noch Herr. Im vergangenen Jahr zählte die Auslandsjob-Beratung im Arbeitsamt Südwest rund 7000 Anfragen, bis Ende Oktober diesen Jahres waren es bereits über 8500. Rosenow und ihre Mitarbeiterin helfen nicht nur bei der Vermittlung von Jobs, sondern geben Informationen rund ums Leben und Arbeiten im Ausland, unterstützen bei der Bewerbung und organisieren Jobbörsen.

Im Bereich des Landesarbeitsamtes Berlin-Brandenburg ist das Arbeitsamt Südwest in Tempelhof bislang die einzige Anlaufstelle für Jobsuchende im Ausland. Im April ist hier ein Europa-Job-Center eingerichtet worden. Das Modellprojekt in freier Trägerschaft und finanziert vom Arbeitsamt, ist bis März 2003 befristet. Projektleiterin Therese Dietrich hofft auf Verlängerung. „Die Leute, die zu uns kommen sind fachlich überdurchschnittlich qualifiziert und hoch motiviert“, erklärt sie. Jobsuchende können sich hier im Internet in der Eures-Datenbank über offene Stellen in ganz Europa informieren. Bei Bedarf stellen die Berater direkten Kontakt zu den Anbietern her. „Das Angebot ist reichhaltig“, sagt Therese Dietrich. „Gesucht werden Animateure und Friseure für Touristen auf Mallorca oder den Kanarischen Inseln, Baufachkräfte und Handwerker für Skandinavien oder die Niederlande, Hotelpersonal in Österreich, Telefonisten für Call-Center in Irland, Farmarbeiter in Island …“

Jobbörsen haben Hochkonjunktur. Vor einer Woche drängten sich über hundert Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger in der Kirche der schwedischen Gemeinde zu einer Infoveranstaltung über Arbeitsplätze in Schweden. Schon warnt der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz, vor der Mediziner-Flucht: „Eine ganze Generation junger Ärzte wandert ins Ausland ab.“ Denn ob in Skandinavien, Großbritannien oder Neuseeland – Arbeitsbedingungen und Bezahlung für Medizinpersonal sind überall besser als in Berlin und Brandenburg.

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