Berlin : Traumrolle hinter den Kulissen

Arbeitslose Jugendliche verzieren im Friedrichstadtpalast Cowboyhüte oder helfen bei Licht und Ton Das ungewöhnliche Praktikum soll ihnen einen besseren Start ins Berufsleben ermöglichen

Sigrid Kneist

In einem großen Theater wie dem Friedrichstadtpalast gibt es viel Arbeit – und das meiste findet hinter der Bühne statt. Es gibt Schneidereien, Werkstätten und Tischlereien. Für Tontechnik und Licht, Hausorganisation und Verwaltung wird Personal gebraucht. Eigentlich ist das ein idealer Ort, an dem sich junge Menschen in vielen verschiedenen Jobs beweisen können. Und wer einmal im Friedrichstadtpalast gearbeitet hat, bringt die Referenz eines berühmten Hauses mit – des größten Revuetheaters Europas.

Nadja Link, 20, hat derzeit die Chance, dort Erfahrungen zu sammeln. Sie hat eine abgebrochene Lehre als Verkäuferin hinter sich und war fünf Monate lang arbeitslos. Jetzt macht sie ein sechsmonatiges Praktikum in der Herrenschneiderei vom Friedrichstadtpalast und ist begeistert: „Das ist der Traumjob.“ Kennengelernt hat sie ihn dank des Projektes „T.I.V.I.“; der Name steht für „Testen, Informieren, Vermitteln, Informieren“. Es wird gemeinsam mit dem Job-Center Friedrichshain-Kreuzberg und dem freien Ausbildungsträger und Personalvermittler Aktionszentrum Multimedia organisiert.

Als vor gut einem Jahr der Job-Center-Chef Stephan Felisiak den kaufmännischen Geschäftsführer des Friedrichstadtpalastes, Guido Herrmann, nach Praktikumsplätzen für arbeitslose Jugendliche fragte, musste dieser keine Minute überlegen, es gab für ihn nur eine Antwort: Ja. Man sei schließlich ein Unternehmen des Landes Berlin, auch deshalb dürfe man nicht an den sozialen Problemen der Stadt vorbeigehen.

Für den Friedrichstadtpalast, Garant für bunte Unterhaltung, war das dennoch ein Experiment. Mit Praktikanten hat das Haus zwar seit vielen Jahren Erfahrung, aber das waren meist junge Leute, die sich sehr zielbewusst auf ihren Berufsweg machten und entsprechend motiviert waren. Jetzt kommen sie vom Job-Center in Friedrichshain-Kreuzberg.

Rund 1900 junge Arbeitslose unter 25 Jahren werden dort betreut. Viele von ihnen haben schlechte Voraussetzungen für einen Start ins Arbeitsleben; wegen des hohen Migrantenanteils sind die Deutschkenntnisse oft mangelhaft, gut zwei Drittel haben keinen Schulabschluss. Zum Friedrichstadtpalast wurden allerdings nicht die Jugendlichen mit den gravierendsten Problemen geschickt.

„Sie müssen schon Motivation zeigen und Lust haben zu arbeiten“, sagt Fallmanagerin Grit Ehrhart. Denn die Arbeit in einem Theater bedeutet auch Flexibilität, etwa bei den Arbeitszeiten. Einige Jugendliche haben nur die Hauptschule absolviert, danach lange keine Lehrstelle gefunden, einige wenige haben Abitur oder eine Berufsausbildung.

Eingesetzt werden sie bei ihrem sechsmonatigen Praktikum in allen Bereichen des Musiktheaters. Sie erhalten neben dem Arbeitslosengeld II eine Leistungsprämie bis zu 100 Euro pro Monat. Von den ersten 15 Absolventen hat gut die Hälfte anschließend einen festen Job oder einen Ausbildungsplatz gefunden oder mit einem Studium begonnen. Der Friedrichstadtpalast war mit ihrer Arbeit so zufrieden, dass die Zahl der Praktikumsplätze ab November auf 20 aufgestockt wurde und überlegt wird, das Projekt längerfristig weiterzuführen. „Sie sind alle hoch motiviert und sehr engagiert“, sagt Herrmann, nur in Einzelfällen wurde das Praktikum abgebrochen.

Lisa Schröder, 19, sieht die Zeit im Friedrichstadtpalast als „Riesenchance“. Sie hat einen erweiterten Hauptschulabschluss, aber der Lebenslauf weist schon Jahre der Nichtbeschäftigung auf. Lisa ist nun in der Putzmacherei beschäftigt, sie hilft mit, die kunstvollen Kopfbedeckungen für die Shows herzustellen.

Sie bestickt Wollmützen und verziert Cowboy-Hüte mit Strass. Und sie hilft bei der derzeitigen Weihnachtsrevue „Jingle Bells“ den Kindern in ihre Pinguin-Kostüme. Nach dem Praktikum möchte sie eine Ausbildung zur Modeschneiderin machen und hofft auf ein gutes Zeugnis vom Friedrichstadpalast: „Das ist schließlich eine prima Empfehlungsadresse.“

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