Berlin : Traurig, aber stolz: Das Endspiel bleibt ein Traum

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Von T.Buntrock und M. Schuller

Die Fans der türkischen Nationalmannschaft wollten die Stadt in Rot tauchen – statt dessen lag nach der Niederlage über Kreuzberg Stille. Die türkischen Fans reagierten enttäuscht, aber fair. Sie hupten in den Straßen den feiernden Brasilianern entgegen und versicherten: „Ab heute sind wir alle für Deutschland.“

Kurz vor dem Abpfiff ist es still geworden im türkischen Cafè „Can Can“ in der Reichenberger Straße in Kreuzberg. Die Türken hören das Todesglöckchen klingeln - nur noch wenige Sekunden bis zum Schluss des Halbfinalspiels. Dann ist das Spiel aus - und damit auch der Traum vom Endspiel der Türken gegen die Deutschen. Die Türken im Café erheben sich von ihren Plätzen, beklatschen die Brasilianer, aber auch ihr eigenes Team. Danach treffen sich die meisten auf den Straßen rund um das Kottbusser Tor, rauchen oder telefonieren mit ihrem Handy. Einige steigen trotz der Niederlage in ihre Autos und schwenken die rote Fahne mit dem Halbmond. „Wir sind stolz auf unsere Mannschaft“, sagt Aurimaz Dede, die in einem Döner-Grill am Kottbusser Tor arbeitet. „Jetzt heißt es auf jeden Fall Daumen drücken für die Deutschen.“ Dass die Türkei das kleine Finale um den dritten Platz am Sonnabend gewinnt, daran zweifelt sie nicht. „Danach müssen nur noch die Deutschen gewinnen, dann können wir auch Sonntag noch gemeinsam feiern“, sagt Dedes Ehemann Ahmet.

Am Anfang gibt’s im Sony Center nur die Türken: Ohrenbetäubend ist der Lärm, den die türkischen Fans veranstalten. Das Häufchen in gelb-grün ist trotz Trommeln kaum zu hören. „Wir genießen das Spiel“, sagt einer mit der Rückennummer 10. Eine halbe Stunde später sind die türkischen Fans schon sehr viel ruhiger geworden. „Ich wünschte, dass sich Ronaldo beim Kopfball die Nase bricht“, sagt ein junger Türke. Alles andere als ein Orakel: Kurz darauf schießt Ronaldo das Tor. Eine junge Türkin bricht in Tränen aus, ihre Freundin schlägt die rote Fahne auf den Tisch. In der Stille sind jetzt plötzlich die Brasilianer zu hören. Sie tanzen um die Tische und rufen „Deutschland, Deutschland!“. Vom Feiern ließen sich die Türken nach Abpfiff dennoch nicht abhalten: Am abgesperrten Breitscheidplatz, dort, wo sie ihre großen Siege gefeiert haben, sammeln sich die türkischen Fans, hier sind sie aber endgültig die Nebendarsteller: Auf einem Laster singt und tanzt eine schwarze Brasilianerin in engen Hosen und wippenden Brüsten. „Wir feiern gemeinsam“, ruft ein junger Türke und küsst einen Brasilianer. Nur ab und zu noch hört man noch ein „Türkiye!“

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