Berlin : Traurige Tropfen und wiehernde CDs

Das Deutsche Technikmuseum widmet dem Hörspiel eine Ausstellung

Christian Helge Röfer

„Erbsen schräg auf Butterbrotpapier gestreut – das klingt wie warmer Tropenregen, Reiskörner auf Plastikfolie hingegen wie norddeutscher Landregen.“ Das sagt Hans Cybinski. Er sagt auch, dass Kinder an der Tiefe des Klangs hören könnten, wie groß ein Berg ist und dass Traurigkeit akustisch am besten mit einem stetig tropfenden Wasserhahn dargestellt werden könne. „Wenn dann noch Hall dazukommt, ist es nicht nur Trauer, sondern auch noch schreckliche Einsamkeit.“ Hans Cybinski ist Tonarchivar. Nicht, dass er Geräusche erfinden würde, nein, er produziert sie und macht sie haltbar.

Zum Beispiel für Hörspiele. Durch Geräusche, Töne und Musik wird die richtige Atmosphäre geschaffen, in der die Schauspieler nur stimmlich und ohne die Wirkungsmacht von Körper, Kostüm und Kulisse auszudrücken versuchen, was keiner sieht – aus dem Studio heraus.

Wie dabei mit Sand, Papier und Pfefferkörnern, Stoff, Haargel und Metallringen Geräusche wie Stapfen im Schnee, eine Kutschfahrt, Meeresrauschen oder tierische Laute imitiert werden, ist jetzt in einer Ausstellung im Technikmuseum zu erfahren. Die Ausstellung „Schauplatz Hörspiel – Bilder, Töne, Technik“ zeigt, wie ein Produktionsstudio aussieht und verfolgt die Entwicklung des Genres. Zu sehen sind alte und neue Mikrofone und Bandmaschinen, historische Bilder zur Hörspielproduktion und Fotos bekannter Schauspieler. In Ohrensesseln gibt es Kostproben zu hören – von Klangexperimenten bis zu ganzen Geschichten.

Zur Ausstellung bietet das Museum jeden Freitag „Geräusch-Workshops für Kinder“ an, Hans Cybinski demonstriert einmal im Monat das Handwerk des Tonarchivars, in zwei Planetarien gibt es „Hörspiele unterm Sternenhimmel“ und im Museum Vorträge zur Historie.

„Zauberei auf dem Sender“ hieß das erste Hörspiel von Hans Flesch, das am 24. Oktober 1924 auf Welle 437 im deutschen Rundfunk gesendet wurde. Das bis heute bekannteste, weil folgenreichste Hörspiel der Geschichte stammt aus dem Jahre 1938. In „Krieg der Welten“ ließ der amerikanische Autor Orson Welles einen Radioreporter über die Landung von Mars-Bewohnern in New Jersey berichten. Nach dieser Nachricht wurden Verhaltensregeln für die Bevölkerung verhängt, Menschen stürzten in Luftschutzkeller oder flohen aus der Region. Sie hatten die Hinweise, es handele sich um ein fiktives Geschehen, nicht gehört.

Derartige Reaktionen würde es heute wohl kaum geben, nicht zuletzt, weil immer weniger Menschen Radio hören. Und noch weniger Hörspiele? Keineswegs: Das literarische Hörspiel steht nicht vor dem Untergang, es erlebt derzeit eine Renaissance – im Radio, bei Lesungen oder auf CDs gepresst. „Das Hörspiel ist zeitgemäß, einige sagen sogar, es sei trendy“, meint Joseph Hoppe, Kurator der Ausstellung im Technikmuseum.

„Die Leute sind übersättigt von Dokus und Soap-Operas, die Fernsehfilme sind doch alle gleich langweilig. Deshalb schalten sie auch wieder häufiger das Radio an“, sagt die Schauspielerin Gudrun Gabriel, die oft bei Hörspielen mitwirkt. Sie verspricht den Zuhörern eine gemeinsame Reise – in die Fantasie.

Das Wiehern eines Esels sei übrigens am besten nachzumachen, indem man eine CD in einer Spindel lässt und diese langsam hin- und herbewegt, sagt Geräuschearchivar Hans Cybinski. Das Aneinanderreiben von Plastik und CD sei dem tierischen Laut verblüffend ähnlich.

„Schauplatz Hörspiel – Bilder, Töne, Technik“ bis 19. Februar 2006 im Technikmuseum, Trebbiner Straße 9. Öffnungszeiten: dienstags bis freitags 9 bis 17.30, sonnabends und sonntags 10 bis 18 Uhr.

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