Berlin : Treffpunkt Tagesspiegel: Zurückgefunden zu den Wurzeln des Städtebaus

Eva Schweitzer

Kaum empörte Bürger, keine Architekten, die sich über Kartelle beklagten, nirgends Investoren, die sich beschwerten, dass sie keine Hochhäuser bauen dürfen: Erstaunlich friedlich ging es zu, als am Montagabend beim "Treffpunkt Tagesspiegel" unter dem Motto "Auferstanden aus Ruinen" im Hotel Interconti über Architektur diskutiert wurde. Senatsbaudirektor Hans Stimmann bekam sogar mehrfach Beifall. Und die Architekten Hans Kollhoff und Gesine Weinmiller - ebenfalls auf dem Podium - sekundierten zumeist Berlins oberstem Stadtplaner. So blieb es Klaus Hartung, politischer Redakteur der "Zeit" und Tagesspiegel-Redaktionsdirektor Gerd Appenzeller überlassen, den Advocatus Diaboli zu spielen.

Nach Fertigstellung der Friedrichstraße, des Potsdamer Platzes und vieler Regierungsbauten sei nun eine Bilanz gefordert, sagte Moderator George Turner. Die ist für Kollhoff "uneingeschränkt positiv", insbesondere, wenn man die vorgefundene Situation bedenke. Weinmiller, eine Kollhoff-Schülerin, war gerade auf einer zweimonatige Studienreise in den USA gewesen. "Verglichen mit den Städten dort, die wie Krebsgeschwüre wuchern und in denen das Leben ohne Auto nicht mehr möglich ist, besteht Berlin aus qualitativ hochwertiger Architektur". Die eigentlichen Probleme gebe es an den Stadtränder, wo Großmärkte an den Ausfallstraßen stünden. Auch Stimmann war zufrieden. "Nach 1945 wurde versucht, im Bruch mit der Geschichte eine neue Stadt zu schaffen, nun haben wir zurückgefunden zu den Wurzeln europäischen Städtebaus". Was als nächstes anstehe, sei, die barocke Stadtmitte wieder zu finden. Zudem müsse der Alexanderplatz neu gestaltet werden; dieser allerdings sei immer ein "Modernisierungsplatz" gewesen, weshalb Stimmann auch die dort geplanten Hochhäuser befürwortet. "Auch deshalb, weil die Stalinallee eine kräftige Bebauung als Endpunkt braucht."

Ein Haar in der Suppe fand erst Hartung, der anmerkte, manchen Gebäuden sehe man an, dass darüber in der Vogelperspektive entschieden worden sei, wie die "Schlange" auf dem Moabiter Werder. Auch das von Axel Schultes entworfene "Band des Bundes", eine "Anti-Speer-Planung", passe nicht zur Stadt. Und der ockerfarbene Ungers-Bau an der Friedrichstraße sei an seiner Rückseite ein "Angriff auf den Gendarmenmarkt".

Appenzeller kritisierte den "bedrückende und monumentale" Neubau des Bundeskanzleramtes, das ein "falsches Signal" aussende ("Das wurde auch unter einem besonders großen Kanzler entschieden", sagte Stimmann) und fand die neue Friedrichstraße "zum Weglaufen", da die Gebäude einander zu ähnlich seien und zu wenig interessant. Hingegen sprach sich Stimmann gegen eine Stadt der "architektonischen Highlights" aus. Die Philharmonie etwa sei ein Meisterwerk, aber sie sei auf Kosten der umgebenden Stadt erbaut worden. Auch Kollhoff wandte sich gegen das "Denken in Highlights" - so sei der Kurfürstendamm, obgleich er keine architektonischen Höhepunkte habe, eine gute Straße. Und Stimmann: Entscheidend für den Eindruck, den man bei der Friedrichstraße habe, sei, dass sich die Stadtplanung von der Parzelle abgekehrt habe und nun große Blöcke baue.

Dem wurde widersprochen. "Das Problem der Friedrichstraße ist, es gibt zu wenig grün, die Bürgersteige sind nicht breit genug und man kann nicht einmal kurz anhalten, weil absolutes Halteverbot gilt", sagte ein Besucher. Auch hier widersprach Stimmann. "Die Friedrichstadt ist eine barocke Stadt, die kann man nicht gründerzeitlich überformen. Die Innenstädte von Turin oder Paris haben auch keine breiten Bürgersteige oder Bäume, aber trotzdem gefallen sie uns." Hartung wies nun auf die veränderte Nutzung der Friedrichstraße hin, die seiner Meinung nach der Grund für das Unbehagen ist. "Die Investoren an der Friedrichstraße haben geglaubt, hier sei eine 1a-Geschäftslage, aber hier waren vor dem Krieg Kneipen, Restaurants und Bordelle." Einig waren sich Hartung und Stimmann darin, dass die Stadt eine Mitte brauche. "Wenn Hertha BSC die Meisterschaft gewinnen sollte, wüssten wir nicht, wo wir feiern sollten", sagte der Senatsbaudirektor. "Hertha würde vor dem wiederaufgebauten Schloss feiern", hieß es vom Publikum.

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